Westallgäu
«Politisches Hin und Her»

Halbvolle Gläser, aber leere Stühle - seit dem Nichtraucherschutzgesetz vom 1. Januar 2008 kein seltenes Bild in den bayerischen Kneipen und Gaststätten. Der Qualm wurde rigoros vor die Tür verbannt. Am 1. August ist im Freistaat eine Gesetzesänderung in Kraft getreten, die den Rauch zum Teil wieder nach innen trägt. Westallgäuer Gäste und Gastwirte äußern sich zu der Lockerung.

Kneipenbesucher Harald Sies (43) sieht keinen Sinn in der Änderung des Nichtraucherschutzgesetzes. Der Technische Angestellte, der selbst Gelegenheitsraucher ist, bezeichnet sie als «reines Wahlkampfthema». «Es ist viel angenehmer ohne den Rauch», meint auch die 37-jährige Melanie Schlachter aus Lindenberg. «Die meisten Raucher haben sich mittlerweile daran gewöhnt.» Trotzdem wurde das Gesetz gelockert.

Die Besitzer des Gasthofs «Traube» in Weiler kritisieren das politische «Hin und Her». Für sie hat sich durch die Gesetzesüberarbeitung nichts geändert. Aus Sicht der Inhaberin Dorothea Rohner machen sich die Politiker unglaubwürdig: «Die Diskussionen sind doch ein Kasperltheater. Früher oder später ändert sich wieder alles, dann gibt es bestimmt ein EU-weites Gesetz.

» Sie und ihr Mann haben sich im März 2007 bereits vor Inkrafttreten des Nichtraucherschutzgesetzes für ein rauchfreies Lokal entschieden. «Wir sind für eine klare Linie», so Ernst Rohner.

Manno Giuseppe fordert eine Entscheidungsfreiheit seitens der Gastwirte. «Seit dem Rauchverbot habe ich ungefähr 30 Prozent Verlust», beklagt der Inhaber der Pizzeria «Gran Sasso» in Scheidegg. «Viele Gäste beschweren sich», so der 54-Jährige. In seinem Restaurant steht kein Raum zur Verfügung, den er als Raucherraum deklarieren könnte.

Im Gegensatz zu Klara Boch, der Inhaberin des Musikcafés «Notausgang» in Lindenberg. Für ihre rauchenden Gäste steht ein extra abgetrenntes Zimmer bereit. Vor der Lockerung musste jeder Qualmer dem Raucherclub beitreten, bevor er es betreten durfte. Jetzt ist der Raum frei zugänglich. Trotzdem resümiert auch Boch einen Umsatzrückgang und bemängelt die Gesetzesänderung: «Man kann von einer Wettbewerbsverzerrung reden. Die Raucher gehen lieber in die kleinen Kneipen, in denen jetzt überall geraucht werden darf.» Persönlich gesehen findet die Nichtraucherin das Verbot angenehm, aber für das Geschäft ist es problematisch.

Das Café «Wohnzimmer» schräg gegenüber ist von der Neuregelung direkt betroffen. Da es kleiner als 75 m² groß ist, dürfte es laut Gesetz den Zigarettenkonsum auch im Inneren erlauben. Laut der Angestellten Claudia Wurster bleibt das Café aber qualmfrei. «Der Rauch würde das Kaffeearoma stören. Ohne ist es viel angenehmer», meint die junge Mutter und denkt dabei auch an Familien mit Kindern.

Ständiges Raus und Rein

Heike Höss arbeitet im «Kura Kura» in Lindenberg. Die 38-Jährige raucht selbst, empfindet die Gesetzeslockerung aber dennoch als negativ. Im Kura Kura darf nach wie vor nur draußen geraucht werden. Die Beschäftigten genießen das Verbot. «Früher war man am nächsten Tag viel erschöpfter, so, als hätte man selber mitgeraucht und getrunken», erzählt Höss.

Das ständige Raus und Rein der Raucher störe allerdings schon so manche Gesprächsrunde.

Das kritisiert auch ein 20-Jähriger Kneipenbesucher, der sich gerade genüsslich eine Zigarette ansteckt. Er begrüßt die Änderung des Nichtraucherschutzgesetzes. Gerade im Winter sei es unangenehm das Lokal zum Qualmen verlassen zu müssen. «In Hotels und Restaurants finde ich die Regelung gut, aber nicht in Kneipen», sagt der Industriemechaniker. «Jeder Wirt sollte selbst entscheiden dürfen, ob man rauchen darf.» Diese Meinung teilt eine 18-jährige Auszubildende am Nebentisch, die namentlich nicht erwähnt werden will. Die Raucherin ist für die Lockerung und würde eine generelle Aufhebung des Nichtraucherschutzgesetzes befürworten. «Es ist einfach nervig vor die Tür zu gehen», so die 18-Jährige. «Aber ich habe keine Lust mehr, darüber diskutieren zu müssen.»

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