Poesie ohne Pathos

Memmingen | sol | Eher verhalten und reserviert ging es an diesem Abend im Kaminwerk zu, als das Winstone-Trio mit Glauco Venier (Klavier) und Klaus Gesing (Bassklarinette, Sopransaxophon) unter anderem Songs aus seinem neuen Album «Distances» vorstellte, das international als «grenzüberschreitendes Werk» gefeiert wird. Die etwa 300 Konzertbesucher spendeten langen, respektvollen Beifall für das Trio. Dass der Applaus keine Spur von Ausgelassenheit zeigte, war dem eher zurückhaltenden Charakter der Musik angemessen.

Die Kritiker überschlagen sich derart mit neuen Wortschöpfungen für die «unaussprechliche» Qualität des Gesangs von Norma Winstone, dass man es sich kaum zu artikulieren traut: «Eine der strahlendsten Stimmen des zeitgenössischen Jazz» ist sehr angenehm, doch weder besonders ausdrucksstark noch voluminös. Doch das ist wohl auch nicht beabsichtigt, denn das Besondere an dieser Art von Jazz ist seine Reduziertheit, das Understatement, die Introversion. Dazu kommt, dass Norma Winstone großen Wert auf Gleichberechtigung legt: «Ich versuche, etwas zum Gruppenklang beizutragen und nicht diejenige zu sein, die begleitet wird», erklärte sie in einem Interview. Die Ankündigung des Veranstalters, dass man «mit hohem Risiko» auf die Bühne gehe, da nichts abgesprochen sei, entpuppte sich als übertriebene Effekthascherei.

Allerdings war es schön zu beobachten, wie aus der Stille eines sterbenden Lieds neue Motive und Melodien emporwuchsen, von spontanen Eingebungen inspiriert.

Die Lieder, auch «torch songs» genannt, sind von süßer Traurigkeit. Die poetischen Texte (viele stammen von Norma Winstone) handeln von dem Schmerz langsam verglühenden Liebens und Lebens, dem vorsichtigen Tasten im Raum zwischen «ich» und «du», der aber letztendlich leer bleibt. «Distances» ist das Scheitern am «wir», der letzte Gast an der Bar, der im Morgengrauen mit hoch geschlagenem Mantelkragen durch den Schnee stapft, gesäumt von gebrochenen Pianoakkorden, die im Kopf des einsamen Wanderers nachhallen.

Insgesamt eine sehr melodische Musik mit teilweise überraschenden Tempi- und Stimmungswechseln in der Improvisation - Poesie ohne Pathos, «impressionistisch» anmutend und subtil. Eigenkompositionen von Gesing und Venier kamen ebenso zu Gehör wie Songs von Cole Porter, Harry Nilsson, Tom Waits und eine Improvisation aus der norditalienischen Heimat des Pianisten Glauco Venier.

Wie aus einem Guss

Dass all dies klingt wie aus einem Guss, gibt dem Trio Profil, erzeugt aber auch eine gewisse Eintönigkeit. Ein Genuss war Klaus Gesings kunstvolles, aber unaufdringliches Sax- und Klarinettenspiel mit perkussiven Elementen, lyrischen Intros und Soli. Der wahre «Meister» des Abends und die Seele des Konzerts war Venier, der rahmengebende Mann am Klavier.

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