Kempten
Pianistische Sternstunde im Fürstensaal

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Könner es auf dieser (Musik-)Welt gibt, von denen man für gewöhnlich ein Leben lang keine Notiz nimmt. Weil sie erstens von Veranstaltern selten verpflichtet werden oder, zweitens, ein Programm bieten, das für zahlreiche Konzertbesucher Rätsel offenbart. Wer, bitte schön, kennt schon das Werk «Islamey», eine Orientalische Fantasie von Miij Balakirev? Wer ist vertraut mit der Fülle an Stücken, die einst François Couperin zu Papier gebracht hat?

Gemeint ist Igor Kamenz, ein 41-jähriger Pianist aus Russland, zuletzt zu Gast in der Reihe «Solopiano» im Fürstensaal der Kemptener Residenz. Der Name gehört nicht zu jenem Zirkel von Klaviervirtuosen, die überall Konzertsäle füllen. Und auch im Fürstensaal blieben mehr Stühle frei, als einem Veranstalter lieb sein kann.

Staunendes Publikum

Die, die kamen, erlebten freilich eine Interpretation von Igor Strawinskys «Trois Mouvements de Petrouchka», die sie zunächst staunen und dann, nach dem letzten Ton, enthusiastisch applaudieren ließ. Dieses Stück, technisch brachial schwer, dient wohl als gutes Beispiel dafür, was den talentierten Klavierspieler vom vielleicht nicht immer glücklichen und zufriedenen, aber eben begnadeten Künstler unterscheidet. Diese Petrouschka-Suite spielt der Pianist nicht einfach so, er erlebt sie.

Er durchlebt sie. Er gibt sich dieser Komposition hin, mit all seinen Gefühlen, seiner Lebenserfahrung, seinen geheimen Wünschen.

Im Strudel großer Gefühle

Igor Kamenz bot Unglaubliches. Er riss das Publikum mit in einen Strudel großer Gefühle, dunkler Momente, drohenden Unheils, aber auch glücklicher Stunden, freudiger Erleichterung, spontaner Liebesgefühle. Wohlgemerkt: stets auf dem Niveau eines brillanten Technikers.

Über Kamenz ist einmal geschrieben worden: «eines der ganz seltenen Exemplare eines reinen Gefühlsmusikers, eines Pianisten, der nur seiner inneren Stimme folgt.» Wie wahr diese Worte sind, bewiesen Kamenzs Interpretationen von Balakirevs Orientalischer Fantasie Des-Dur ebenso wie Couperins «Les Bariccades mysterieuses», «Les Jumelles» und «Soer Monique».

Auch hier wusste der Russe mit Kraft und Wucht und seinem Hang zur Tiefsinnigkeit, ja zur Melancholie zu überzeugen. Bei Maurice Ravels «Pavane pur une infante defunte» hingegen hätte man sich über einen Schuss mehr an Zärtlichkeit gefreut. Was nichts am Gesamteindruck dieses Abends änderte: Eine pianistische Sternstunde.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by Gogol Publishing 2002-2020

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen