Abschied
Parkhaus Süd in Kaufbeuren nun endgültig geschlossen

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Irgendwie will der kleine Chip nicht so recht in den Schlitz an diesem großen gelben Kasten passen. Vergeblich windet die junge Frau ihre Arme aus dem Autofenster in Richtung des Apparats. Nein, da klemmt etwas. Die Schranke vor ihrem Wagen bleibt geschlossen.

Doch die Hilfe lässt nur wenige Augenblicke auf sich warten: Mit einem Handgriff - wohl hundertfach durchgeführt - versenkt Walter Ammersinn den Chip, den ihm die Autofahrerin aus dem Fenster gereicht hat, in der dafür vorgesehenen Öffnung an der << Einfahrt >>, wie er sagt. Die Schranke fährt in die Höhe, zum Dank gibt es ein breites Lächeln für den Parkhausbetreuer.

<< Ja, es ist schade, ich hätte gerne hier weitergemacht >>, erzählt der 80-Jährige. Seit über 15 Jahren arbeitet er im Betreuerteam des Kaufbeurer Parkhauses Süd, ist damit der dienstälteste Aufseher. Dieser Mittwoch ist sein letzter Arbeitstag. Ab heute ist das Parkhaus geschlossen, wird in den kommenden Wochen rückgebaut, um Platz für einen Neubau zu schaffen.

Der 1984 errichtete Bau ist zweifellos in die Jahre gekommen. Hier und da bröckelt der Putz leicht von den Wänden, der Bodenbelag ist an dutzenden Stellen ausgebessert. Kaum ein Lichtstrahl der Mittagssonne dringt in die marode Betonlandschaft, die acht Stockwerke werden stattdessen auch am Tage von kaltem Neonlicht dürftig ausgeleuchtet. << Man sieht schon, dass es ein älteres Parkhaus ist. Aber es macht nicht den Eindruck, dass es gleich zusammenstürzt >>, sagen Johanna Ebel und Julia Breuer.

Ein Hinweisschild am Kassenautomaten hat die Freundinnen am Tag zuvor auf die Schließung des Gebäudes aufmerksam gemacht. Weil sie ohnehin zum Bummeln in die Stadt wollten, seien sie << zur Verabschiedung heute extra nochmal hineingefahren >>. << Wir haben gerne hier geparkt, man ist zu Fuß gleich im Zentrum. Und es waren immer Parkplätze frei >>, erzählen die jungen Frauen.

Walter Ammersinn kennt da noch ganz andere Zeiten. << Heute sind bis Mittag hier 338 Autos reingefahren. Zu Spitzenzeiten Ende der 90er Jahre waren es zwischen 1800 und 2100 Einfahrten pro Tag, nie weniger als 1600 >>, berichtet der Parkhausbetreuer. Die Bücher mit sämtlichen Statistiken habe er erst vor einer halben Stunde im Altpapiercontainer entsorgt. Einige Ereignisse, Störungen und Kuriositäten hat er allerdings penibel in einem privaten Heftchen dokumentiert.

<< Hier stehts: Am 18. September 2003 hat sich hier einer mit seinem Trike ziemlich verschätzt und mit dem Heck die gesamte Einfahrt weggefahren. So etwas habe ich nur einmal erlebt >>, sagt er schmunzelnd. Im Mai letzten Jahres gab es eines Abends einen längeren Stromausfall im Gebäude. << Wir mussten die Leute mit Taschenlampen zu ihren Autos führen >>, erinnert sich der Aufkircher.

Am Kassenautomaten vor dem Parkhauseingang im Erdgeschoss wirft Carsten Plötzner seinen Parkchip ein. << Meine Frau und ich arbeiten am Fliegerhorst, wir haben hier fast täglich geparkt, um mittags schnell in die Stadt zu gehen, das war ideal >>, sagt er. Sie sind schon am Überlegen, wo sie ihr Fahrzeug in der Mittagspause künftig abstellen wollen. << Wir werden es wohl erstmal auf dem Ausweichparkplatz beim ehemaligen Krankenhaus versuchen >>, erklärt Plötzner.

Derweil ist um 13 Uhr Schichtwechsel im Parkhausbetreuer-Raum mit dem großen Fenster vor dem Einfahrtsbereich. << Der Letzte macht heute hier das Licht aus - praktisch für immer. Das bin ich >>, kündigt Otto Irotschek an, der Ammersinn ablöst.

Daher hat er sich heute dem Anlass entsprechend herausgeputzt: Mit dunklem Hemd und Krawatte nickt er hin und wieder Autofahrern, die das Parkhaus verlassen, zu. << Die fahren zum letzten Mal hier raus. Schade, aber leider nicht zu ändern >>, murmelt er. Vielleicht gibt es heute noch die ein oder andere junge Frau, die vor der verschlossenen Schranke steht und Hilfe braucht. So ein dankbares Lächeln zum Abschied, das wäre doch zumindest ein kleiner Trost.

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