Organspende
Organspende: Eine Kaufbeurerin kann aufgrund einer neuen Lunge ein normales Leben führen

'Das Gefühl von Gesundheit erwirbt man sich nur durch Krankheit.' (G.C. Lichtenberg) - eine Lebensweisheit, der sicher viele Menschen zustimmen werden. Auch in Kaufbeuren und Umgebung sind immer wieder kranke Menschen auf ein Spenderorgan angewiesen, um gesund werden zu können.

Nicht allen Betroffenen kann geholfen werden: Es fehlen ausreichend Spenderorgane. Jeder könnte helfen, schon durch einen Organspendeausweis. Unser zweiter Teil der Serie "Gesundheit und Leben" beschäftigt sich deshalb mit diesem Thema.

Kaufbeuren Eine junge Frau, gerade einmal 34 Jahre alt, springt mit ihrer Nichte und ihren Neffen durch den Garten. Sie spielen gemeinsam Fußball, lachen und sind voller Tatendrang. Für viele Menschen wäre dies nichts Außergewöhnliches. Für Christine schon. 'Kleinigkeiten machen mich glücklich', sagt sie. Der Kaufbeurerin wurde vor fünf Jahren eine Lunge transplantiert. Für sie begann damit ein neues, ein zweites Leben.

'Ihr Kind hat wahrscheinlich nur noch ein Jahr zu leben.' Die Diagnose der Ärzte war seinerzeit ein Schock für die Familie. Christine war gerade einmal 13 Jahre alt. Bei dem kleinen Mädchen wurden Rheuma und eine schwere Lungenkrankheit festgestellt. Aus dem einen Jahr wurden glücklicherweise 15, bis sie bei einer Transplantation eine neue Lunge erhielt.

'Zum Zeitpunkt der Diagnose war für Systemerkrankte eine Transplantation ausgeschlossen', so die heute 34-Jährige. Da es sich bei ihrer Form des Rheumas um eine sogenannte Systemerkrankung handelte, die sich auf das gesamte Organsystem auswirkt, galten Erfolgsaussichten einer Transplantation damals als zu unsicher.

An eine normale Kindheit war unter diesen gesundheitlichen Umständen nicht zu denken. Christine war ständig müde und bekam kaum Luft. 'Das war mehr Überleben als Leben', erinnert sie sich. Trotz aller Widrigkeiten gelang es ihr, Schule und ein Studium zur Diplom-Sozialarbeiterin abzuschließen. Insgesamt verschlechterte sich Christines Zustand über die Jahre immer wieder schubweise, 2003 dann rapide. Schon einfache Tätigkeiten, wie Zähneputzen, Essen oder Treppensteigen, fielen ihr schwer.

'Fortan war mein tragbares Sauerstoffgerät mein ständiger Begleiter.'

Zwei Jahre später stand sie dann vor der wegweisenden Entscheidung ihres bisherigen Lebens. Eine Transplantation war trotz ihrer Systemerkrankung nun möglich. 'Ich habe mich zuvor nie damit auseinandergesetzt', erinnert sich Christine. Die Entscheidung fiel ihr nicht leicht.

Könne sie mit einem fremden Organ psychisch umgehen? Dazu die negativen Erinnerungen an die Krankenhausaufenthalte in ihrer Kindheit und die hohen Risiken des Eingriffs. 'Die Entscheidung fiel dann ganz spontan, ich habe einfach gesagt: Ich mache es', erzählt Christine.

Dabei ist es nicht leicht, an ein Spenderorgan zu kommen. '12 000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan, 1000 davon sterben', sagte der Kaufbeurer Bundestagsabgeordnete Stephan Stracke (CSU) kürzlich bei einer Infoveranstaltung im Kaufbeurer Kolpinghaus.

74 Prozent der Deutschen seien zwar grundsätzlich damit einverstanden, dass ihnen nach dem Tod ein Organ entnommen werde, aber nur 25 Prozent haben ihre Spendenbereitschaft mit Organspendeausweisen dokumentiert. Oftmals müssten Patienten auf den Wartelisten für eine Organspende vier bis fünf Jahre auf die Transplantation warten.

Christine hatte Glück. Schon nach neun Monaten Wartezeit erhielt sie eine neue Lunge. Der Anruf aus dem Krankenhaus kam damals gerade noch rechtzeitig. 'Mehr als ein halbes Jahr hätte ich wahrscheinlich nicht mehr überlebt', erklärt sie.

Spenderin eines Organs wiederum ist eine weitere Kaufbeurerin. Bei ihrem Ehemann war im Jahr 2006 Leberkrebs diagnostiziert worden. Als letzte Überlebenschance blieb nur eine Transplantation. Das Organ eines Verstorbenen zu entnehmen, war nicht möglich, 'weil insgesamt viel zu wenige Organe zur Verfügung stehen', so die damals 43-Jährige. Für die Kaufbeurerin war sofort klar, Teile ihrer Leber für ihren Mann zu spenden. 'Vor dem Eingriff wurde ich drei Tage auf Herz und Nieren untersucht.'

Spätfolgen für die eigene Gesundheit und die Erfolgsaussichten einer Transplantation sind dabei unwägbar. Sie habe den Eingriff aber nie bereut, konnte sie ihrem Mann somit mehr als vier weitere Jahre Leben schenken. Er starb im März dieses Jahres.

Christines Transplantation liegt nun fünf Jahre zurück. Sie sei 'definitiv nicht ganz gesund'. Es gebe immer wieder Höhen und Tiefen. Durch die Medikamente sei sie anfälliger für Infekte. Vierteljährlich stehen Nachuntersuchungen an. Dennoch führt sie ein völlig selbstständiges Leben und ist berufstätig. 'Schon ein Spaziergang mit meinem Hund ist für mich der absolute Luxus.'

Vor der Transplantation habe sie einige Jahre nur noch wenige Meter ohne Atemnot gehen können. Christine schätzt ihr Leben mit seiner neuen Qualität: 'Tiefe Dankbarkeit verbindet mich mit dem Spender und seinen Angehörigen, die mir mit ihrer Organspende dieses Leben ermöglicht haben.'

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