Bregenzer Festspiele
Oper Nijinskys Tagebuch bei den Bregenzer Festspielen - Die Skizze einer Schizophrenie

Eignet sich das Protokoll einer beginnenden Schizophrenie zum Stoff für eine Oper? Nach der Premiere von Detlev Glanerts 'Nijinskys Tagebuch' am Samstag im Rahmen der Bregenzer Festspiele kann diese Frage mit Ja beantwortet werden – mit der Einschränkung: Besucher dürfen keine dramaturgisch aufgebaute Handlung im gewohnten Sinn erwarten. Wer sich aber darauf einlässt, das erschütternde Drama einer in die Krankheit abdriftenden Persönlichkeit mit künstlerischen Mitteln skizziert zu sehen, der darf staunen in dieser beeindruckenden Inszenierung. Das Publikum spendete langen Beifall.

Waslaw Nijinsky (1890 – 1950) war ein Star seiner Zeit. Ein großer Tänzer mit russisch-polnischen Wurzeln, der Anfang des 20. Jahrhunderts mit den legendären Ballets russes weltweit Erfolge feierte.

Im Alter von 29 Jahren wurde bei ihm eine schwere Geisteskrankheit diagnostiziert. Vor seiner Einlieferung in die Heilanstalt führte er etwa zwei Monate lang Tagebuch.

Widerstrebende Impulse

Opernmacher Glanert teilt Nijinsky in sechs Darsteller auf: jeweils zwei Tänzer, Sänger und Schauspieler – drei Männer, drei Frauen. Niemand von ihnen bleibt nur in seinem Metier; Tänzer sprechen, Sänger und Schauspieler singen.

Dieses Sextett ist beides: die Einheit einer Persönlichkeit und die Aufspaltung derselben in viele, oft widerstrebende Impulse. Nijinskys Gedanken äußern sich mal in Sätzen, mal in Klängen, mal in Verrenkungen oder poetischen Tanzbewegungen.

Beklemmend deutlich wird so die Verzweiflung des mit Klugheit und Begabung ausgestatteten Mannes, der mit enormer Kraftanstrengung versucht, sich selbst festzuhalten, während sein Geist zu zerfallen droht.

Die in Wellen verlaufenden Seelenzustände Nijinskys zwischen Erregung, Manie, Panik und Erschöpfung geben der Oper dann doch eine Art Dramaturgie. Und so singen, sprechen, flüstern, brüllen, gehen, tanzen die Akteure mal synchron, mal in wildem Chaos.

In der aufwühlend-plastischen Vertonung Glanerts steigern sich die Tagebuchtexte zu reißenden Strudeln oder zu hämmernden Stellungsfeuern, die Rhythmen sind mal stampfend, mal fließend, zwischendurch swingend – und immer wieder lösen sie sich in mächtigen Eruptionen auf.

Manche Opernbesucher bezeichneten den Inhalt der Tagebucheintragungen Nijinksys als 'starken Tobak'.

Was aber soll die Innenschau eines ins Unendliche stürzenden Menschen zutage fördern als tiefe Abgründe? Gott- und Allmachtsfantasien, Onanie, Himmels- und Höllenangst, und die immer dünner werdenden Beziehungsfäden zu seinen Liebsten sind seine Themen.

Das mag verstörend sein – und doch gelingt es den energiegeladenen Darstellern und Musikern (Symphonieorchester Vorarlberg) unter Leitung von Choreographin Rosamund Gilmore, die Schönheit des Genies Nijinsky zu erkennen und seinen schwer fassbaren Kosmos als Kunstwerk zu beschreiben.

Weitere Aufführung 7. August, 19.30 Uhr. Karten: 0043/5574/4076.

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