Kempten
Ohrwürmer und Schreckgespenster

Was ist eigentlich alles «Neue Musik»? Gibt es im 20. Jahrhundert auch leicht Konsumierbares, das ins Ohr geht, das den Hörerwartungen entspricht? Und ob! Die beiden letzten Konzerte des «Zeitklänge»-Festivals im Kemptener Theater-Oben falteten einen ganzen Fächer an Varietäten und krassen Kontrasten auf.

Am Samstagabend gab es Bela Bartók, Nino Rota, Silvia Colasanti, Anton Webern und Joaquin Turina: ein wahres Wechselbad der Gefühle. «Emotion and Meaning in Music» hieß ja auch der Titel des Festivals. Wobei der «Meaning»-Anteil, die Bedeutung im musikalischen Geschehen, naturgemäß problematisch, weil für jeden Hörer und für jedes Musikstück völlig verschieden sein kann. Denn - wie die begleitenden Vorträge lehrten - Musik hat keine angebbare Bedeutung, sondern einfach «Sinn». Und der ist wie jede Sinnfrage von Mensch zu Mensch verschieden.

Béla Bartóks «Kontraste» für Geige, Klarinette und Klavier, im amerikanischen Exil von Benny Goodman bestellt, waren nicht «easy» zu hören in ihrer polymodalen Struktur - unbekümmert um Konsonanz, aber teils eisig schrill, teils witzig wirkend durch gegenseitige Imitation der drei Stimmen.

Schmelzender Schönklang

Eine warme Dusche aus schmelzend romantischem Schönklang versprühte danach die Sonate für Klarinette und Klavier vom italienischen Filmmusiker Nino Rota. Die junge Komponistin des folgenden Stücks «Ophelia», Silvia Colasanti, saß in der ersten Reihe und verfolgte mit entrückt-versteinerter Miene ihre raffiniert-atonalen Melodieverschränkungen von Flöte, Klarinette, Geige, Cello und Klavier.

Spannungsreich und zart

Bei Anton Weberns «Vier Stücken» spielten Geiger Dan Zhu und Pianist Andrea Rucli unglaublich sensibel die Spannungseffekte durch Zartheit und Pausenstille aus.

Ein klassisches Klavierquartett des Spaniers Joaquin Turina beschloss den Abend: Süffig-melodische neue Romantik, dabei aber harmonische Wendungen und Farben, für die in der Epoche der Romantik noch keine Zeit war. Dazu ein Folklore-Touch mit Flamenco-Passagen - ein unschlagbares Erfolgsrezept für Neue Musik als «kulturelle Chiffre» (nach Prof. John Sloboda).

Am Sonntagnachmittag dann ein letztes Kontrastprogramm: das Musikmärchen «Peter und der Wolf» von Sergej Prokofjew (wahrscheinlich das populärste klassische Musikstück des 20. Jahrhunderts) und ein für viele atonales Schreckgespenst, der «Pierrot Lunaire» von Arnold Schönberg, ein Melodram für Sopran-Sprechstimme und sieben Instrumente. Bei aller künstlerischen Klasse dieser Darbietungen: welch ein Sprung ins kalte Wasser! Aber was für den einen ein Graus, ist für den andern erfrischende Labsal.

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