Kaufbeuren
Niemand leidet so gut wie Jörg Spleyß

Der Autor war nicht ganz so nervös, wie einer seiner Protagonisten den fahrigen Bürgermeister Jörg Spleyß spielte. Doch ein wenig Aufregung konnte Jürgen Kraus nicht verbergen, als gestern die seit 50 Jahren unveränderte und nun neu getextete Einzugsszene beim Tänzelfest begann. Doch die Regie war perfekt, kein Zittern in der Stimme von Kaiser Maximilian (Martin Valdés-Stauber), der einsehen muss, dass er im kleinen, armen Kaufbeuren ist und nicht im großzügigen Franken. Ja, «die Reichsstadt leidet immer», wie der Besucher feststellt, als ihm ein unterwürfiger und hochgradig angespannter Bürgermeister Jörg Spleyß (Jonathan Posselt) schon mit dem «Gichtübel im Bein» entgegenhinkt. Zeitlos sollte der neue Text sein. Er scheint jetzt zeitgemäßer denn je, wenngleich die vielen Kinder im Festzug gestern etwas zu lang auf ihren Einsatz warten mussten.

So hat das Tänzelfest eine würdige neue Szene erhalten, die vielleicht nicht das nächste Jahrhundert, aber doch einige Zeit unterhalten wird. Die neuen Dialoge bergen Ironie und damit Wahrheit. «Kunz, scheint es ihm auch, dass Kaufbeuren immer ärmer wird?», fragt der Kaiser. Und der lustige Rat sieht am Rathaus tatsächlich schon den «Bettelstab des Bürgermeisters». Sogar gesellschaftskritische Töne findet Kunz von der Rosen (Maxi Nocker) bei einer Posse um den Bubenschützenkönig (Stefan Weiß): «Ein blinder Gehorsam taugt nichts. Nur ein sehender Gehorsam fordert die Wohlfahrt des Reiches.» Das überzeugte den Kaiser, der befahl, an diesem Knabenschießen festzuhalten. Das Tänzelfest war gestiftet.

In der Ferne kündigte sich gestern zu diesem Zeitpunkt bereits der Festzug an. Die Fahnenschwinger aus Ferrara und die Fahnengruppe «Kaufbeuren grüßt das Schwabenland» setzten die 1600 jungen Schauspieler in ihren historischen Kostümen, Mitglieder der Fanfarenzüge, Kutscher auf 33 Festwagen und 150 Pferde in Bewegung. Nun hatten die Kinder ihren Auftritt und stellten die Epochen aus der Geschichte ihrer Stadt dar. Die Schwestern des Klosters Meierhof aus der Frühzeit zogen durch die Altstadt, ebenso König Konradin mit Gefolge aus dem 13. Jahrhundert, Daniel Hopfer und Münzmeister Apfelfelder aus der Renaissance, die Zünfte und natürlich die Schweden, die sich ihre Beute bei Festzugskommentator Werner Schendel holten.

Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon, der Schirmherr des diesjährigen Tänzelfestes, nannte Kaufbeuren beispielhaft für andere Städte: «Hier wird das Kinderfest tatsächlich von Kindern gestaltet.» Und auch Tänzelfest-Chef Horst Lauerwald durfte sich nach den vielen Regentagen angesichts eines weiß-blauen Himmels freuen: «Wer auch immer für das Wetter zuständig ist, er hat unseren Dank verdient.»

Der Festzug mit der ebenfalls textlich veränderten Vereidigungsszene findet heute um 13.30 Uhr ein weiteres Mal statt.

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