Kaufbeuren / Oberstdorf
Niemals nach unten schauen

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Nie nach unten schauen. Das ist das oberste Gebot beim Highlining, sagt Christoph Jorda und erklärt den Grund: «Der menschliche Gleichgewichtssinn braucht einen Fixpunkt, um zu funktionieren.» Der fehlt beim Blick nach unten. Denn dort schwankt nur ein schmales Nylonband in schwindelerregender Höhe.

In 20 bis 200 Metern Höhe verlief diese Slackline bei Jordas aktuellstem Trip. Er und ein paar Freunde hatten das Band nahe der Mindelheimer Hütte (Oberstdorf/Oberallgäu) zwischen zwei Felsnasen gespannt. «Das ist nichts für Laien», betont der 29-jährige Kaufbeurer. Er beschäftigt sich seit gut vier Jahren intensiv mit Slacklining. Zudem sind er und seine Kumpels erfahrene Kletterer.

Seit 2006 sind sie jedes Jahr an der Mindelheimer Hütte. Und heuer erfüllte sich Jorda dort einen Traum: Trotz des großen Transportaufwandes war der freiberufliche Fotograf mit einer Studioblitzanlage angerückt und hielt seine Freunde beim Higlining mit der Kamera fest.

Selbst ist er dieses Mal nicht über das 15 Meter lange, schmale Band gelaufen. Aber er erinnert sich gut an seine Premiere. «Ich hatte Angst und bin am Anfang keinen halben Meter weit gegangen», gibt er zu. «Die psychische Belastung ist riesig. Da kristallisiert einem das Adrenalin zu den Ohren raus,» erzählt der 29-Jährige und fährt enthusiastisch fort: «Es gibt keinen anderen Sport, bei dem man so viel für das Leben lernt. Zum Beispiel: Je schlimmer etwas wird, desto lockerer muss man bleiben. Dann flutscht es.»

«Das ist nicht wie Seiltanzen»

Niemals verkrampfen lautet auch ein weiteres Gebot beim Slacklining. Der Grund: Es ist laut Jorda nicht wie Seiltanzen. Dabei wird ein Stahlseil benutzt, das sich nicht bewegt. Eine Slackline dagegen ist dynamisch. Die Balance wird über die Beine gehalten, nicht mit dem Oberkörper. Als besonders gefährlich stuft Jorda den Sport nicht ein - auch nicht in großen Höhen. «Ein Restrisiko bleibt zwar immer. Aber wir sichern uns doppelt und dreifach ab», sagt er. Die Highline bei der Mindel-heimer Hütte etwa war mit einem Kletterseil unterlegt. Das sorgt für Elastizität. Die muss sein, denn der Slackliner ist über ein Sicherungsband mit der Slackline verbunden. Beides ist jedoch relativ statisch und zwei statische Dinge auf Zug - zum Beispiel bei einem Sturz - können reißen. Am Gefährlichsten aber ist, sagt Jorda, der Anfang und das Ende. Denn wer dort fällt, kann an der Felswand entlang schleifen.

Das droht Slacklinern, die zwischen Bäumen balancieren, weniger. Sie laufen - auch im Allgäu - eher Gefahr, keinen Platz mehr für ihren Sport zu finden. «Slacklining boomt», sagt Jorda. «Bei mir zu Hause am Oggenrieder Weiher zum Beispiel, sind am Wochenende meistens alle Bäume belegt.» Oft seien ganze Familien am Slacken. «Slacklinen kann jeder», ist Jorda überzeugt. «Sogar mein Opa steht mit 86 Jahren noch drauf, wenn man ihn hält. Und mein Vater hat trotz zwei neuer Hüften eine Slackline im Garten.»

Für Christoph Jorda aber ist der Gang über die Line weit mehr als nur Spaß. «Es hilft mir beim Entspannen», sagt der 29-Jährige. Oft steht er schon bei Sonnenaufgang auf dem Band. Er spricht von meditativer Wirkung, von Lebensgefühl und von einer Art Befreiung, wenn er das Ende einer Highline erreicht.

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