Nicht, wenn Sie über 50 sind

Von Sylvia Rustler | Memmingen/Unterallgäu 'Peu à peu habe ich mir alle Hoffnungen abgeschminkt', sagt Michael Neumann (Name von der Redaktion geändert). Er drückt sich gewählt aus, ist belesen, hat Abitur und war lange Zeit als selbständiger Grafiker tätig.

Danach hat Neumann fast zehn Jahre als Techniker gearbeitet. Nichtsdestotrotz: im August 2002 wurde er arbeitslos. Seitdem ist der 51-Jährige aus dem Unterallgäu auf Job-Suche. 'Am Anfang war ich guter Dinge. Doch dann war alles nur noch ein Wechselbad der Gefühle. Man verliert sein Selbstvertrauen und jeglichen Halt.'

Dabei hört man gerade überall vom positiven Trend auf dem Arbeitsmarkt. 'Die Chancen auf einen neuen Arbeitsplatz sind derzeit besonders günstig', hat Peter Rasmussen, Leiter der Memminger Arbeitsagentur, jüngst verkündet. 'Aber nicht, wenn Sie über 50 sind', hält Manuela Knapp (Name von der Redaktion geändert) dagegen. Knapp, 57, ist Hotelfachfrau und hat zuletzt ein Speiselokal in einer Klinik geleitet. Wegen eines Bandscheibenvorfalls musste sie 2005 dort aufhören. Alle Neuversuche sind enttäuschend. So bekomme sie bei der Bewerbung immer wieder Sätze zu hören wie 'Sie haben super Zeugnisse und eine gute Arbeitsauffassung, aber sie sind zu alt'. Oder: 'Was wollen Sie denn, in drei Jahren können Sie doch Frührente beantragen.'

'Ich kann nicht rumsitzen'

Knapp schüttelt den Kopf: 'Ich habe 40 Jahre gearbeitet, ich kann nicht rumsitzen. Und ich bin auch nicht zu alt, ich weiß, was ich kann.' Jetzt habe sie wieder Kraft, so die Serviererin aus Ottobeuren, doch dem sei eine 'schlimme Zeit' vorausgegangen. Weinkrämpfe und Deprimiertheit, täglich. Bis sie heuer, nach zahlreichen Bewerbungen, einen 400-Euro-Job in einem Café ergattert habe. Trotzdem: ausgelastet sei sie damit nicht und außerdem bleibe sie ohne Vollzeitstelle finanziell von ihrem Lebenspartner abhängig.

Bei Neumann gestaltete sich die Situation problematischer: 'auch auf 400-Euro-Basis, es war einfach nichts da'. Selbst beim Kompostwerk habe er sich beworben. Aber während es anderswo auch für ihn hieß: 'zu alt', hieß es dort schlicht und einfach 'überqualifiziert'.

l Und was ist mit der Agentur für Arbeit? 'Ich habe kaum Stellenangebote bekommen', erzählt Neumann: 'Eigentlich wird gar nicht vermittelt. Das ist mir böse aufgestoßen.' Selbst zwei Fortbildungen, eine im IT- und eine im Metallbereich, hätten nichts gebracht. So sei es finanziell 'sehr dünn'. Denn die Familie mit einem 15-jährigen Sohn muss sich mit dem Halbtagsverdienst der Mutter über Wasser halten. Seit 2004 bekommt Neumann vom Staat nämlich keine Unterstützung mehr. 'Wer etwas auf die hohe Kante legt, wird in unserem System bestraft. Wir haben alles, was an Altersabsicherung herumschwirrte, verkauft. Mit Verlust.'

Seit Montag hat der ehemalige Grafiker endlich eine Stelle. Froh sei er jetzt schon, glücklich aber nicht. Denn für die gefundene Arbeit im Metallsektor brauche man nicht die geringste Qualifikation, geschweige denn eine Fortbildung: 'Ich habe den Job sicher nur bekommen, weil ihn kein anderer machen möchte.'

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