Buchloe / Holzhausen
Nicht überall willkommen

Raus gehen, Sachen unternehmen und Spaß haben - in Deutschland sollten diese Dinge für jeden eigentlich selbstverständlich sein. Die Realität sieht oft jedoch anders aus. Dies behauptet zumindest Marina Huber. Seit zwei Jahren ist die 26-Jährige als Pflegerin bei der Regens-Wagner-Stiftung in Holzhausen beschäftigt. Die Einrichtung will körperlich und geistig behinderte Menschen in die Gesellschaft integrieren. Doch leider sei dies nicht immer so einfach umzusetzen, meint Huber. Dies stelle sie bei Ausflügen in die Stadt mit ihrer achtköpfigen Gruppe immer wieder fest. Zuletzt an der Eingangstür zu einem Buchloer Nachtlokal.

«Kein Eintritt» habe es dort geheißen. Begründung: alles voll, kein Platz für Rollstuhlfahrer. Der Wirt beteuerte gegenüber der BZ im Nachhinein jedoch mehrfach, es habe sich dabei um ein Kommunikationsproblem gehandelt: «Die Gruppe wurde nicht ab-, sondern nur darauf hingewiesen, dass das Lokal sehr voll ist und sie vorher hätten reservieren sollen. Und ein Rollstuhl braucht nun mal Platz.» Dass die Betroffenen dies als Abfuhr auffassten, mache ihn betroffen. Denn: «Wir haben oft Behinderte oder Rollstuhlfahrer bei uns. Und die stören nicht, sondern sind immer willkommen.»

Situation keine Seltenheit

Alles also nur ein Missverständnis? Für Marina Huber und ihre Gruppe sind ähnliche Situationen zumindest keine Seltenheit. So sei dies nicht der erste Ausflug gewesen, der mit einem faden Beigeschmack endete. «Auch in anderen Gaststätten sind wir schon öfter darauf hingewiesen worden, dass wir nicht erwünscht sind», berichtet die Weichterin. Die Worte «ihr dürft hier nicht rein» nehme dabei zwar keiner in den Mund, dafür verlegten sich Wirte oder Besitzer oftmals auf «liebevolle» Ausreden - «oder sie schieben es auf die Gäste, die sich angeblich gestört fühlen», erzählt Huber.

«Spüren das sofort»

Ein ähnliches Bild biete sich auch beim Einkaufen: «Es gibt Geschäfte, in die wir gar nicht erst rein dürfen oder zumindest sehr ruppig behandelt werden, weil man meint, wir machen Sachen kaputt.» Die «dummen Blicke» beim Eisessen oder Schwimmen stören sie schon lange nicht mehr. Huber: «Das Schlimmste daran ist: Auch wenn manche Behinderten sich nur bedingt verbal ausdrücken können, wenn sie nicht willkommen sind, spüren sie das sofort.»

Bereits seit 1904 werden in Holzhausen behinderte Menschen betreut und versorgt. Die Einrichtung stellt Förder-, Arbeits- und Lebensmöglichkeiten für derzeit 637 Menschen mit verschiedenen Behinderungen zur Verfügung und betreut diese dabei (siehe Info-Kasten). Im Leitbild der Stiftung sind die Achtung, Sensibilität und ein respektvoller Umgang mit der Würde der Behinderten sowie deren Eigenverantwortung und ihr Recht auf Selbstbestimmung verankert.

Gleichzeitig will die Einrichtung «wach sein» gegenüber Veränderungen in den gesellschaftlichen Wertvorstellungen.

Marina Huber nimmt diesen Leitsatz ernst. Für sie verdeutlichen die jüngsten Erfahrungen vor allem eins: Es ist in Deutschland mal wieder Zeit, sich ernsthaft mit dem Thema Toleranz auseinanderzusetzen. «Wenn kleine Kinder rumhüpfen und schreien, lachen die Leute. Bei Behinderten rümpft man die Nase und geht auf Abstand», meint Huber. Zwar gebe es durchaus einige, vor allem jüngere, Menschen, die auch hilfsbereit und offen mit Behinderten umgehen, ihrer Meinung nach jedoch zu wenige.

Natürlicher Umgang

Ihre Bitte: Ein normaler und natürlicher Umgang mit den Menschen und somit eine reelle Chance, am normalen Gesellschaftsleben teilzunehmen. Zudem: «Viele Menschen übersehen, wie schnell sie selbst oder Familienangehörige durch einen Unfall in eine ähnliche Lage kommen können.»

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen