Huschka-jubiläum
Neugablonz: Der Vater des Wiederaufbaus

Im Jahr 1946 erkundeten die ersten Heimatvertriebenen aus dem Raum Gablonz in Nordböhmen die Trümmerlandschaft des ehemaligen Rüstungsgeländes im Hart-Wald bei Kaufbeuren. Zehn Jahre später erhob sich dort der Stadtteil Neugablonz, die größte geschlossene Ansiedlung von Heimatvertriebenen in Deutschland. Dies war vor allem das Verdienst von Dipl.-Ing. Erich Huschka, der am 11. August 1912, also vor genau 100 Jahren, in Bad Schlag bei Gablonz geboren wurde. Vor 60 Jahren verlieh das bayerische Innenministerium der damaligen Siedlung Kaufbeuren-Hart am 8. August 1952 offiziell den Namen Kaufbeuren-Neugablonz.

Erich Huschka wuchs zwar als Sohn eines Glaswarenerzeugers in Neudorf bei Gablonz auf, doch sein Lebens- und Berufsweg verlief zunächst fern der Glas- und Schmuckwarenindustrie seiner Heimat. Huschka studierte an der Deutschen Technischen Hochschule in Prag Elektrotechnik.

Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als Flugstabsingenieur der Luftwaffe im Bereich der Radar- und Hochfrequenztechnik. Das Kriegsende im Frühjahr 1945 erlebte er in der Nähe von München. Durch das Abhören tschechischer Radiosendungen wurde ihm frühzeitig klar, welches Schicksal seinen Landsleuten in der Heimat drohte.

Die Vertreibung schien auch das Ende für das traditionsreiche Netzwerk der Gablonzer Glas- und Schmuckwarenindustrie zu bedeuten. Erich Huschka wollte sich damit allerdings nicht abfinden.

Seit dem Sommer 1945 sammelte er einen kleinen Kreis von Mitarbeitern um sich, mit denen er Pläne für eine möglichst weitgehende Ansiedlung der Gablonzer und ihrer Industrie in Bayern entwickelte.

Durch geschicktes Lavieren zwischen bayerischen und amerikanischen Dienststellen gelang Huschka im Juni 1946 der Abschluss eines Pachtvertrags für das gesprengte Rüstungsgelände bei Kaufbeuren. Damit begann der Aufbau eines 'neuen Gablonz', bei dem viele Schwierigkeiten zu überwinden waren.

Nur Verlegenheitslösung

Erich Huschka hatte schon im März 1946 die Namen Gablonz im Allgäu oder Neugablonz für die künftige Siedlung vorgeschlagen, da es in der alten Heimat nach der Vertreibung nur noch die tschechische Bezeichnung Jablonec geben werde.

Der Kaufbeurer Stadtrat beschloss jedoch im August 1946 den Namen Kaufbeuren-Hart für das ehemalige Rüstungsgelände. Diese Entscheidung trug den Charakter einer Verlegenheitslösung, die niemanden wirklich zufriedenstellte.

Die Siedler verwendeten inoffiziell schon bald die Bezeichnung Neugablonz und bemühten sich um eine entsprechende amtliche Bestätigung.

Die Allgäuer Glas- und Schmuckwaren-Genossenschaft (heute Bundesverband der Gablonzer Industrie) unter dem Vorsitz von Dipl.-Ing. Erich Huschka setzte sich ebenfalls nachdrücklich für dieses Ziel ein. Da die Siedler nicht locker ließen, stimmte der Kaufbeurer Stadtrat im April 1947 der Umbenennung des ehemaligen Rüstungsgeländes in Kaufbeuren-Neugablonz zu. Doch schon im Sommer 1947 gab die amerikanische Militärregierung einem ersten Einspruch von tschechischer Seite statt. Die Militärregierung signalisierte den bayerischen Behörden, dass der Name Neugablonz nicht genehmigungsfähig sei. Daran änderte auch der 1948 ausbrechende Ost-West-Konflikt zunächst nichts.

Die bayerische Staatsregierung sah sich erst im Verlauf des Korea-Kriegs (1950 bis 53) in der Lage, die tschechischen Einsprüche zu übergehen. Am 8. August 1952 genehmigte das Innenministerium schließlich die Umbenennung des Stadtteils Kaufbeuren-Hart in Kaufbeuren-Neugablonz.

Als die amtliche Bekanntmachung vor Ort während des Gablonzer Heimatfests verlesen wurde, brach im Festzelt lautstarker Jubel los. Der lange gehegte Wunsch der Siedler im ehemaligen Rüstungsgelände war endlich in Erfüllung gegangen.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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