Scheidegg
«Nennen Sie es ruhig Revolution»

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Wem haben wir die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze vor genau 20 Jahren und damit letztlich die Wiedervereinigung zu verdanken? Für Rainer Eppelmann ist die Antwort klar: Den mutigen Berliner Bürgern, die damals, in der Nacht zum 9. November 1989, zu Tausenden an die Grenzübergänge strömten und mit eigener Hand die Schlagbäume öffneten. Der evangelische Theologe und Bürgerrechtler Eppelmann war einer von ihnen.

In seinem sehr persönlichen und emotionalen Vortrag wirbt der erste Preisträger des Scheidegger Friedenspreises dafür, die Ereignisse von damals nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Und: «Ich möchte, dass sich unsere Kinder «richtig» erinnern, plädiert der 66-Jährige für eine wahrhaftige und schonungslose Auseinandersetzung der Zeitzeugen mit der jüngsten deutschen Geschichte. Seine Rede ist gleichzeitig ein leidenschaftlicher Appell für mehr Verständnis zwischen Ost- und Westdeutschen. Fast zwei Stunden lang fesselt er die Besucher im Kurhaus. Den Friedenspreis überreichte Bürgermeister Ulrich Pfanner, der Landtagsabgeordnete Eberhard Rotter sprach ein Grußwort.

Eppelmann findet deutliche Worte zur Beschreibung der DDR: ein Staat, in dem 17 Millionen Menschen «eingesperrt» waren, in dem die Machthaber eine unmenschliche Uniformität aller Menschen in politischer, religiöser und philosophischer Hinsicht durchzusetzen suchten und zu Unterdrückung und Überwachung ihrer Mitbürger und zum Wahlbetrug griffen, um dieses Ziel zu erreichen.

Diesem unmenschlichen Staat setzten die DDR-Bürger am 9. November 1989 ein Ende, auch wenn damals wohl die wenigsten an eine Wiedervereinigung mit Westdeutschland dachten, sondern an eine Reform der DDR.

Den von Egon Krenz, dem letzten SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzenden der DDR, geprägten Begriff der «Wende» hält Eppelmann angesichts der umwälzenden Ereignisse für unpassend: «Sagen Sie ruhig Revolution», fordert er.

«Das war der schönste Abend in meinem Leben», erinnert sich Eppelmann an den 9. November, den er am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße erlebte. Sein Rückblick gilt aber auch den vielen anderen Meilensteinen, ohne den diese Nacht so nicht möglich gewesen wäre: den seit Monaten stattfindenden friedlichen «Montagsdemonstrationen», die von der Nikolaikirche in Leipzig ausgegangen waren und nach und nach zur Massenbewegung wurden.

Den Revolutionen anderer osteuropäischer Völker wie Ungarn, Polen und Tschechien, die ebenfalls für mehr Freiheit und Demokratie kämpften und damit den Fall der sozialistischen Regime einleiteten. Auch die Tatsache, dass die DDR zahlungsunfähig war, spielte seiner Meinung nach eine Rolle bei der Entscheidung, die friedliche Revolution nicht mit Gewalt niederzuschlagen. Denn damit wäre die finanzielle Unterstützung aus dem Westen gekappt worden.

Und nicht zuletzt, so Eppelmann, «haben Sie in Westdeutschland durch Ihre Lebensleistung dazu beigetragen, dass die Nachbarstaaten uns Deutschen wieder Demokratie und gute Nachbarschaft zutrauten», und die Wiedervereinigung trotz großer Skepsis letztlich ermöglichten. «Wir waren es also nicht allein», so Eppelmann.

Im evangelischen Pfarrheim, wo Eppelmann nachmittags bei Kaffee und Kuchen erneut Rede und Antwort stand, fügte er noch seine Überzeugung hinzu, dass wohl auch jemand ganz oben seine schützende Hand über die Demokratiebewegung gehalten habe.

Das Ehepaar Sutter umrahmte den Nachmittag musikalisch auf Gitarre und Klarinetten.

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