Volkszählung
Name, Alter, Beruf: Über 20000 Kemptener und Oberallgäuer müssen Antworten geben

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Die ersten Fragebögen hat Peter Galuschka gerade abgeben. Zwei Schreibtische, Computer, gegenüber Wandschränke bis zur Decke, Kunststoffteppichboden - das Wort «zweckmäßig» beschreibt den Raum wohl am besten, in den der 41-Jährige dazu gekommen ist. Durch eine Tür, deren abgegriffenes Holz und Strukturglas eher an ein Wohnzimmer erinnern als an eine Amtsstube. Aber genau das ist das nur wenige Quadratmeter große Zimmer an der Kemptener Stadtmauer. Seit dieser Woche ist darin die «Erhebungsstelle» untergebracht, in der die örtlichen Fäden der bundesweiten Volkszählung zusammenlaufen.

Peter Galuschka ist «Volkszähler». Einer von insgesamt mehr als 220, die unterwegs sind, um innerhalb von zwei Monaten über 20000 Kemptener und Oberallgäuer zu befragen. Name, Alter, Schulbildung, Beruf - auf acht Seiten trägt der 41-Jährige ein, was der Staat von knapp zehn Prozent seiner Bürger wissen will.

Und das ist im Übrigen streng geheim. Abgesehen von den 80 Volkszählern der Stadt kennen nur drei Menschen die Antworten, die etwa 6400 Kemptener im Rahmen des Zensus geben: Dennis Brzakala, Julia Stefan und Silke Gänßlen. Allesamt Mitarbeiter der Stadtverwaltung - und zur Geheimhaltung verpflichtet. Sogar gegenüber dem direkten Chef. «Ich darf die Antworten auch nicht lesen», sagt Kemptens Verwaltungsreferent Dr. Richard Schießl.

Nicht alle sind begeistert

Eine Vorsicht, die nicht nur damit zusammenhängt, dass es um die persönlichen Daten von Tausenden geht. Sondern die auch sicherstellen soll, dass hinterher möglichst niemand den Zensus anfechten kann. Schließlich gibt es viele, die nicht gerade glücklich sind darüber, dass der Staat auf einmal so viel wissen will. «Nachdem die ersten Benachrichtigungen rausgegangen sind, haben einige angerufen und sich aufgeregt», sagt Silke Gänßlen. Keine Lust, keine Zeit - das habe sie am häufigsten gehört. Protest, der nichts nutzen wird - laut Gesetz sind die Bürger zum Mitmachen verpflichtet. Sonst droht per «Heranziehungsbescheid» ein Bußgeld. 300 Euro sind das Minium. Isabell Schmid wird nicht zahlen müssen. Die 25-Jährige hat ihre Befragung schon hinter sich.

Als Oberallgäuerin bekam sie Besuch von einem der 142 Volkszähler des Landkreises. «Schlimm», so sagt sie, «war es nicht.» In fünf bis zehn Minuten sei alles vorbei gewesen. Den Termin habe sie telefonisch ausgemacht, nachdem sie die schriftlichen Ankündigung «ihres» Volkszählers bekommen hatte. Stört es sie, einem Wildfremden Persönliches zu erzählen? Die 25-Jährige schüttelt den Kopf: «Nein.»

Ralf Jocher ist da anderer Meinung. Wie alle Eigentümer einer Immobilie hatte der Buchenberger kürzlich den Fragebogen zur Gebäude- und Wohnungszählung erhalten. Dieser muss nicht an die örtlichen «Erhebungsstellen», sondern direkt ans Statistische Landesamt geschickt werden. Passend frankiert, versteht sich. «Das ist doch eine Frechheit», empört sich der Oberallgäuer.

«Erst muss man was machen, was man nicht will - und dann soll man auch noch zahlen.» Es gehe ihm «nicht um 1,50 Euro, sondern ums Prinzip». Jochers wütender Protest bei der Zensus-Telefonzentrale blieb freilich erfolglos. Den Fragebogen hat der 48-Jährige mittlerweile weggeschickt.

Derweil packt Peter Galuschka in der Kemptener «Erhebungsstelle» noch einige Zettel mit dem Gesetzestext zum Zensus ein. Wenn der Kemptener nicht gerade das Volk zählt, arbeitet er beim Kreiswehrersatzamt. An der Aufgabe gereizt hat ihn «das Spannende, viele Menschen zu besuchen, bei dieser Aufgabe mitzuhelfen».

Sieben Euro pro Interview

Andere, weiß Silke Gänßlen von der Stadtverwaltung, reizt auch das Geld. Sieben Euro gibt es pro Interview - «deshalb machen viele Schüler, Studenten und Rentner mit». 130 Bewerbungen habe sie bekommen, in den Bewerbungsgesprächen haben sie etwa auf «vernünftiges» Auftreten geachtet. Und bei den «Dienstplänen» darauf, dass keiner der 80 Volkszähler in seiner direkten Nachbarschaft eingesetzt wird.

Peter Galuschka muss wieder los. So mancher Kemptener soll schließlich die nächsten Tage noch von ihm hören. Von seinen etwa 80 Interviews sind gerade erst drei abgearbeitet.

Arbeitet in der Kemptener «Erhebungsstelle»: Dennis Brzakala. Fotos: Diemand

Er ist in den nächsten zwei Monaten «Volkszähler»: Peter Galuschka.

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