Nachtumzug
Nachtumzug mit 17000 Zuschauer

Doppelstöckige Omnibusse säumen Königs- und Kaisergraben. Aus den Fahrzeugen springen wild gewordene Männlein, die Haare aus Tierfell, die Masken mit Warzen übersät. Der schwere Schellengürtel um die Hüften lässt jede Bewegung erklingen.

Aus den Gepäckräumen ziehen sie lange Besenstiele und rennen den Trommel- und Paukenschlägen hinterher in Richtung Schweizerberg, wo sich bereits hunderte Hexen, Teufel und Geister positioniert haben. Wie viele von weit her angereist, wollen sie beim Memminger Nachtumzug der Narrenzunft << Stadtbachhexen >> mitlaufen - vorbei an rund 17000 dick eingepackten Zuschauern, die in Dreier- und Viererreihen die Straßenzüge der Innenstadt säumen.

Auch << Tiere >> haben sich unters schauende Volk gemischt: Dinosaurier und Hasen mit rosarotem Fell, mannshohe Marienkäfer, Zebras, Löwen und Tiger mit Schleifchen um die Tatzen. Am Rossmarkt steht ein Händchen haltendes Bären-Pärchen, das sich mit Winterjacke und Thermo-Unterhemd unter dem Bärenfell gegen die Eiseskälte dieses Samstagabends schützt. Bärenmännchen und -weibchen wollen Freunde vom << Durahaufa Mindelheim >> sehen, die als letzte der 81 Gruppen beim zweistündigen Spektakel aufmarschiert.

Etwas Abseits von Lärm, Geschrei und Bläserklängen dieser schwäbisch-alemannischen Fasnet steht Fritz Oldenwurtel und schaut leicht befremdet zu den schreienden Narren hinüber, welche die Zuschauer mit Bonbons bewerfen, sie mitschleifen und streicheln, ihnen die kalt gewordenen Nasen bemalen und Mützen und Ohrenschützer klauen. << Mit dem Karneval, den ich kenne, hat dies nichts gemein >>, sagt der Wilhelmshavener. Seine Aussprache verrät die norddeutsche Herkunft: << Diese Masken und Verkleidungen, das kommt mir heidnisch vor. >>

An Oldenwurtel vorbei tanzt ein altes Weib mit rauchgeschwärztem Gesicht und streckt den Menschentrauben eine geräucherte Wurst entgegen: << Zum Abbeißen >>, sagt das Weiblein alias Oliver Nessensohn aus der Narrenhochburg Bad Schussenried. In drei Bussen sind er und 180 andere Hästräger aus der oberschwäbischen Kurstadt nach Memmingen gereist.

Die Minustemperaturen bekämpft Nessensohn mit << Rumjucken und langen Unterhosen unterm Rock >>. Sein Zeugnis für Memmingen: << Klasse. Viele Leute, super Stimmung. >>

<< Einfach genial >>

Mit diesem Urteil geht er wohl mit den meisten anderen der 3500 Narren konform: << Die tolle Atmosphäre der Stadt bei Nacht, einfach genial >>, sagt Jürgen Steinle, nachdem er sich seine Teufelsmaske mit einer Haarpracht aus gebundener Schafswolle vom Gesicht gerissen hat. Seine eigenen Haare sind von der Maske schweißnass. Der Umzug ist für Steinle erst das << Vorspiel >>: Im 1200 Quadratmeter großen Partyzelt in der Grimmelschanze geht das närrische Treiben bis tief in die Nacht weiter.

Zunftmeister Rainer Betz zeigt sich mit dem Spektakel zufrieden - ebenso die Polizei, die von << keinen nennenswerten Vorfällen >> spricht.

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