Marktoberdorf / Füssen
Nach Skepsis überwiegt Freude

Über zehn Jahre hatte die Planungsphase gedauert. Im Juni 1889, also vor nunmehr 120 Jahren, war es dann so weit: Auf der 30,580 Kilometer langen, in einer Bauzeit von rund 13 Monaten fertiggestellten Strecke zwischen Markt Oberdorf und Füssen fuhr der erste Zug der Lokalbahn-Aktiengesellschaft München. Trotz nicht weniger Befürchtungen und Vorurteile im Vorfeld überwogen dann entlang der Strecke in der Bevölkerung doch Freude und Begeisterung.

Die «große Staatsbahn» hatte von Norden her Kaufbeuren bereits im Jahr 1847 und Biessenhofen einige Jahre später erreicht. Von dort bis zum damaligen Oberdorf bei Biessenhofen wurde dann eine sogenannte staatliche Sekundärbahn, 6,5 Kilometer lang, gebaut, die am 1. Juni 1876 in Betrieb ging.

Viele Überlegungen angestellt

«Viele Wege führen nach Füssen» könnte man überschreiben, was im nächsten Jahrzehnt alles erwogen wurde. Eine Trassenführung über Stötten am Auerberg, Roßhaupten, Lechbruck nach Füssen. Eine Linie über Thalhofen, Wald, Rückholz nach Nesselwang. Sogar an Pferdegespanne zum Hochziehen der Züge an Steigungen wurde gedacht. Es gab in dieser Zeit mehrere Gesellschaften und Firmen, die mit ihren Experten Analysen erstellten und Pläne vorlegten. Aus mehreren solchen Unternehmen ging schließlich die Lokalbahn A.

G. in München hervor, die am 9. Februar 1887 gegründet wurde. Am 14. März 1888 erhielt sie die staatliche Konzession, die Strecke zu bauen.

Der Bauingenieur vor Ort berichtet: Wegen des extrem nassen Wetters mit heftigen und langanhaltenden Regenfällen gab es immer wieder Erdrutsche. Besonders bei Enzenstetten hatte die Bahnbaustelle deshalb bald die Bezeichnung «Millionenloch». Technisch am anspruchsvollsten war die Lobachbrücke in Leuterschach. In einem Radius von nur 175 Metern musste die Bahntrasse geführt werden. Hartnäckig sträubten sich bis zuletzt Bürger, Privatiers, Ökonomen und Witwen aus Hopferau und Umgebung gegen den Anblick «eines mit 30 Stundenkilometern dahinrasenden Dampfrosses», der einer Studie namhafter Doktores zufolge, eine heimtückische Hirnkrankheit «delirium furiosum» verursachen würde.

Der Empfehlung aus München «einfach wegzuschauen» entgegneten die Beschwerdeführer: «Die Gegend ist sehr viehreich und die Kühe können auch befallen werden» und forderten zu deren Schutz einen vier Meter hohen Bretterzaun links und rechts der Bahntrasse. Vergeblich.

Ein Revisor stellte damals fest: «Das von der Bahn durchzogene Gebiet ist ein dünn bevölkertes Hügelland ohne bemerkenswerte Industrie mit vornehmlich landwirtschaftlichen Betrieben. Nur in Füssen besteht die große Mechanische Seilerwarenfabrik und im benachbarten Reutte die Spinnerei und Weberei Reutte». Diese beiden Firmen hatten übrigens zusammen 165000 Mark zur Finanzierung des Bahnneubaus beigesteuert.

Steigende Lust am Zugfahren

Die Einheimischen bekamen schnell auch Lust im «dahinrasenden Zügle» mitzufahren. Noch im Jahr der Inbetriebnahme der Strecke benutzten 91936 Personen die Lokalbahn, im darauf folgenden Jahr waren es bereits 141873 Fahrgäste. Die Beförderung von Postsendungen und Gütern aller Art brachte Jahr für Jahr steigende Einnahmen.

Die Zukunft der Strecke scheint gesichert zu sein. «Die Deutsche Bahn fährt auf dieser besonders von Ausflüglern sehr gut frequentierten Linie sehr gern», meinte ein Sprecher der Bahn gegenüber unserer Zeitung.

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