Diagnose
Museumslandschaft in Kempten bietet ein trauriges Bild

Seit Jahren doktert die Stadt an Konzepten für Häuser und Ausstellungen herum. Doch kurieren konnte sie wenig. Kein Wunder, dass immer weniger Besucher kommen. In einer Artikel-Serie beleuchtet die AZ den Stand der Dinge – und Perspektiven für die Zukunft.

'Immer weniger Menschen besuchen die Kemptener Museen.' So lautete die Schlagzeile der Allgäuer Zeitung im Juli 2008. Diese niederschmetternde Diagnose kann man auch heute so stellen, wenngleich der Archäologische Park Cambodunum und das Allgäu-Museum sich – freilich auf niedrigerem Niveau – halten können. Vor sieben Jahren haben bei den Politikern sowie im Kulturamt die Alarmglocken geklingelt. Es wurde ein 'Arbeitskreis Museumsentwicklung in Kempten' gegründet, der die Misere analysieren und wegweisende Konzepte erstellen sollte.

Im Jahr 2015 ist man aber nur kleine Schritte weitergekommen. So sieht es derzeit aus:

  • Das unattraktive Zumsteinhaus hat vor Wochen dichtgemacht; in den nächsten Jahren wird es umgebaut zu einem Museum, das die Doppelstadt Kempten beleuchten soll.
  • Der Marstall, der die Alpenländische Galerie und das Alpinmuseum beherbergt, räumt im Herbst die mittelalterliche Sakralkunst großteils weg und probiert es zunächst einmal mit Sonderausstellungen. Das Alpinmuseum ist längst kein Besuchermagnet mehr, sagt Fink.
  • Das Allgäu-Museum dümpelt mehr oder weniger ansehnlich vor sich hin.
  • Im Archäologischen Park Cambodunum (APC) wurden einige der Vorschläge, die der Museums-Arbeitskreis im Jahr 2010 gemacht hatte, umgesetzt – etwa eine attraktivere Präsentation mittels moderner Medien.
  • Die vom früheren Kemptener Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer unterstützte Idee eines Museums oder einer Galerie für regionale oder gar überregionale Kunst ist wohl ganz gestorben.
  • Allein der 2010 eröffnete Schauraum in der Erasmuskapelle unter dem St.-Mang-Platz sorgte für einen Besucherschub.

Dass die Kemptener Museums-Landschaft nach wie vor ein ziemlich trauriges Bild abgibt, ist Konsens bei den Stadtpolitikern wie bei den Experten im Kulturamt. 'Wir haben uns jahrelang nicht vernünftig um die Museen gekümmert', meinte neulich beispielsweise SPD-Stadtrat Lothar Köster – und ließ durchblicken, dass nicht nur seine Fraktion dieser Ansicht ist. Vor allem das Geld hat in den vergangenen Jahren gefehlt, um Standortfragen zu lösen, die Ausstellungen attraktiver zu machen und damit wieder mehr Besucher anzulocken. Oberbürgermeister Thomas Kiechle brachte es im Kulturausschuss so auf den Punkt: 'Die Unzufriedenheit der Bürger ist spürbar.'

Die Verantwortlichen im Kulturamt sind ebenfalls nicht so recht zufrieden – auch wenn dies sein neuer Leiter Martin Fink nicht direkt sagt. 'Die Museums-Entwicklung ist kein einfaches Thema', erklärt er. 'Es gibt aber viele gute Ideen.' Einen konkreten Weg habe der Stadtrat immerhin vorgegeben: Das Museums-Konzept ruht demnach künftig auf den drei Säulen Römer, Doppelstadt und Allgäu; das ergebe sich aus der Geschichte der Stadt zwangsläufig. Was die Römer anbetrifft, sei man im APC auf gutem Wege, meint Fink. Und im Zumsteinhaus werde in ein paar Jahren die Doppelstadt präsentiert. Aber was mit dem Allgäu passieren wird, stehe derzeit noch in den Sternen. Bleibt es im verwinkelten und feuerpolizeilich bedenklichen Kornhaus? Zieht es irgendwann in den Marsstall, wie es neulich die SPD in einer Hau-Ruck-Aktion vorschlug?

Dabei gibt es vor allem einen großen Unsicherheitsfaktor. Der heißt Stadtbibliothek. Die Orangerie, wo sie untergebracht ist, platzt aus allen Nähten. Manche halten deshalb den Marstall für den besseren Standort der Bücher. Solange man nicht weiß, was mit der Bibliothek passiert, sind weitere Überlegungen für das Allgäu-Museum blockiert, bilanziert Kulturamtsleiter Fink.

Und noch ein Problem wartet dringend auf Lösung: die Depotfrage. Derzeit sind nicht ausgestellte Exponate auf dezentrale Lager verteilt. Nun versucht das Kulturamt, einen zentralen Standort zu realisieren.

Eines aber ist sicher: Jedes Projekt kostet Millionen. Geld, das die Stadt erst noch zusammenkratzen muss. Allein für den Umbau des Zumsteinhauses geistert eine Zahl von fünf bis zehn Millionen Euro umher – wobei die Stadt laut Fink auf Zuschüsse in Höhe von 30 bis 50 Prozent hoffen kann. Für die Vorplanungen stehen in den Jahren 2015 und 2016 immerhin jeweils 400 000 Euro zur Verfügung.

Was die Präsentation der Exponate betrifft, gibt es immer noch große Defizite. Vieles entspricht nicht mehr heutigen Sehgewohnheiten. Das wissen die Museumsleute. 'Was vor 20 Jahren aktuell war, ist es heute nicht mehr', sagt Martin Fink. 'Die Besucher erwarten inzwischen ganz etwas anderes.' Etwa interaktive Stationen. Oder gut aufbereitetes Bild-, Text- und Videomaterial an Bildschirmen.

Die Bilanz sieht also nicht gut aus. Seit Jahren doktert die Stadt an ihren maroden Museen herum. Doch kuriert hat sie bisher kaum etwas. Und die Planungen für die Zukunft sind vage – Stadtpolitiker und Kulturamt müssen sich mit vielen Unbekannten herumschlagen. Wie diese Unwägbarkeiten genau aussehen und welche Perspektiven es gibt, das wollen wir in der Allgäuer Zeitung mit einer Serie untersuchen. In den nächsten Tagen und Wochen lesen Sie deshalb auf der Seite 'Kultur am Ort', wie die einzelnen Museen derzeit aussehen, und was die Stadt mit ihnen plant.

In der nächsten Woche starten wir die Artikel-Serie mit einer Reportage aus dem Archäologischen Park Cambodunum; dort hat es zwar ein paar Verbesserungen gegeben, aber viele Wünsche konnten nicht realisiert werden. Danach berichten wir über die Planungen für den Umbau des Zumsteinhauses.

Autor:

Klaus-Peter Mayr aus Kempten

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