Moderne Ikonen und aufbäumende Lebewesen

Marktoberdorf | vit | Eigentlich fürchte er sich vor Museumsbauten, bekannte der Schauspieler Hans Kriss zum Auftakt der 29. Ostallgäuer Kunstausstellung. Doch nicht vor der Kunst habe er Angst, sondern davor, das Gebäude wieder verlassen zu müssen. Im Künstlerhaus blieb er allein zur Vorbereitung für seine Einführungsrede sechs Stunden. Kriss ist also mehr als ein 'normaler' Besucher, der 10 Sekunden auf jedes Kunstwerk schaut und in 20 Minuten die 59 ausgestellten Arbeiten im Künstlerhaus konsumieren könnte.

Bürgermeister Werner Himmer stellte ihn untertreibend dennoch als 'interessierten Laien' vor, als er eine illustre Schar von Gästen zur Eröffnung der traditionsreichen Ausstellung begrüßte. Himmer betonte, die Kunstausstellung habe als Plattform für die zeitgenössische Kunst einen festen Platz im Kulturleben der Stadt. Die Schau bezeichnete er als Forum der Begegnung, in der die Kunst im Kopf der Besucher etwas zum Leben erweckt.

Was sechs Stunden im Klinkerbau an Gedanken auslösen, davon vermittelte Hans Kriss einen Eindruck, als er pointiert die drei Preisträger und deren Werke vorstellte. Als Ikonen der Moderne würdigte er die fünf 'Schönen Frauen' von Kathrin Rudolph (Augsburg). Rudolph verwende für die Bilder, die mit dem Georg-Fischer-Preis (2500 Euro) ausgezeichnet wurden, eine alte Technik, um moderne Ikonen nach aktuellen Fotos von Frauen in arabischen Zeitungen zu schaffen. Die Prädung im Metall greife auf Wegwerfprodukte zurück: Ornamente von Küchenrollen und Klopapier rahmen Schönheitsköniginnen und Schauspielerinnen ein.

Dunkle Vierecke auf schwarzen Grund zeigt Reinhard Blank (Bad Grönenbach), der den Sonderpreis von Franz Schmid (2000 Euro) erhielt. Kriss ließ seine Phantasie spielen: Zeigt das Bild ein Hochhaus von oben, eine Baugrube? Er lud ein, die Technik zu betrachten, die die Fläche mehrschichtig erscheinen lässt.

Als sich aufbäumendes Lebewesen bezeichnete Kriss 'Rodeo I', einen Holzwurm mit Sattel, für den es den von der Firma Klinkau gestifteten Bürgerförderpreis (1300 Euro) gab. Kriss vermittelte dem Publikum, dass Guido Weggenmann mit einfachen Materialien eine Lebendigkeit geschaffen habe, die über das Objekt hinausdenken lasse.

Der Laudator lobte die Fülle der Techniken und Materialien in der Ausstellung. Zu seine Tipps zählt ein 'Fatschenkind' in einem dunklen Rahmen, das die Künstlerin Kristina Johlige aus Buchenberg 'Larve' nennt. Er empfahl Marinus Wirtls 'Milde Ventilierung', ein Stahlobjekt voll Bewegung. Anderer Natur ist 'Erzählungen' von Despina Olbrich-Marianou: Bei dieser Textilarbeit bedauere man, dass man sie nicht berühren dürfe.

Da bei einer Vernissage die Zeit fehle, riet Kriss zum mehrmaligen Besuch oder dazu, sich Kunst als Lebensmittel zu kaufen und so die Künstler zu fördern. Sein Schluss-Gedicht mündete im Appell: 'Kauft Kunst!', womit er vielen Künstlern aus dem Herzen sprach.

Auf den Stellenwert der Kunst spielte auch Alt-Bürgermeister Schmid als Vorsitzender der Künstlerhausstiftung an: Einerseits freue er sich, dass die Kunstausstellung nun im Klinkerbau ein festes Zuhause habe. Andererseits meinte er vor dem Hintergrund von Differenzen mit der Stadt über die Finanzierung des Gebäudes und des Ausstelungsbetriebs: 'Die Zukunft des Künstlerhauses bereitet mir derzeit sehr viel Sorgen!' » Allgäu Kultur

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