Modell verschafft Schülern Arbeitsplätze

Marktoberdorf (af). 'Ich wusste gar nicht wie es ist, keinen Ausbildungplatz zu haben. Hätte ich das früher gewusst, hätte ich mich mehr angestrengt.' Mit diesem Eingeständnis steht der Schüler nicht allein. Nun muss auch er Versäumtes nachholen. Ehrgeiz prägt die integrative berufsvorbereitende Klasse an der Staatlichen Berufsschule in Marktoberdorf. Vor allem dank der individuellen Betreuung durch die Lehrer wurden allein im vergangenen Jahr 17 der 18 Schüler an einen Lehrherrn vermittelt. 'Das ist ein Spitzenwert in Schwaben', freut sich Schulleiter Remigius Kirchmaier. Nun soll das Modell landesweit Schule machen.

BVB hat in diesem Fall einmal nichts mit dem Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund zu tun. BVB steht für berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme. Kombi-Klasse wird sie auch genannt, denn 16 Wochen lang erhalten die Jugendlichen Unterricht, während der verbleibenden Zeit des Schuljahres befinden sie sich in Praktika und werden durch die beruflichen Fortbildungszentren (bfz) der bayerischen Wirtschaft betreut. Die wiederum kooperiert mit Arbeitsagentur und Ministerien. Gemeinsam mit Betrieben vor Ort und einer Sozialpädagogin entsteht ein Netzwerk, 'in dem sich etwas bewegt'.

In diesen Klassen werden Schüler unterrichtet, die keinen Hauptschulabschluss erreichten oder keine Lehrstelle fanden. Als Vorteil dieser Einrichtung nennen Kirchmaier und Klassenlehrer Selah Okul die geringe Klassenstärke von derzeit 17 Schülern. Diese sähen: 'Jetzt kümmert sich jemand um uns.' Eine Erfahrung, die sie auf der Hauptschule angesichts vieler Schüler und weniger Lehrer oft nicht hätten machen können. Mit der Folge: 'Wer in der fünften, sechsten, siebten Klasse nur Misserfolge hat, wie soll der denn motiviert seinen Abschluss machen?'

'Ich fühle mich wohl'

Die Schüler bestätigen das. 'Die Gemeinschaft ist prima, ich fühle mich wohl', sagt ein Mädchen und schmiedet eifrig Pläne für ihre Zukunft. Eine andere will an der Berufsschule ihren Hauptschulabschluss - dafür darf keine Note schlechter als Vier sein - und später vielleicht den Realschulabschluss nachholen. Ob sie den erreicht, steht auf einem anderen Blatt. Aber ihr und ihren Mitschülern ist eins gemein: Sie haben wieder eine Perspektive.

Im Moment bereiten sie sich auf den Weihnachtsmarkt vor. Da musste darüber nachgedacht werden, was man verkaufen will, es musste Holz beschafft, bearbeitet und der Verkaufspreis kalkuliert werden, denn schließlich soll mit dem Erlös neues Material angeschafft werden. Auch für die Klassenkasse soll etwas hängen bleiben. Mit anderen Worten: Die Jugendlichen erleben Mathematik- oder Werkunterricht von einer ganz anderen Seite. Gleiches gilt für die Hauswirtschaft, wenn das gemeinsame Frühstück besorgt und berechnet werden soll. Weitere Unterrichtsmodule sind Sozialkunde, Computeranwendung sowie Deutsch in Form von Korrespondenz und Kommunikation. Projektorientiertes Arbeiten nennt dies der Fachmann.

Dass solche Maßnahmen nötig sind, verdeutlicht Kirchmaier anhand von Zahlen. Allein im mittleren und südlichen Landkreis seien 100 Jugendliche ohne Ausbildung. Hinzu kommen 190 aus Kaufbeuren. All diejenigen, die solche Einrichtungen wie in Marktoberdorf besuchten, erfasse die Arbeitslosenstatistik nicht.

Weil der Kreis der Betroffenen eher größer werde, begrüßt der Schulleiter Überlegungen des Kultusministeriums, dieses Projekt - wie es auch in Immenstadt und Mindelheim und in abgewandelter Form in anderen Städten betrieben wird - auf den ganzen Freistaat auszudehnen. Eine Ausweitung auf 16 Wochen betreffe dann die Klassen, die bisher nur acht Wochen lang Unterricht haben. Kirchmaiers Fazit: 'Wir liegen im Landkreis richtig, die Schulsozialarbeit auszubauen und das integrierte Modell zu forcieren.'

iDie Schüler verkaufen ihre Waren, dazu zählen auch Plätzchen, in einer eigenen Bude auf dem Weihnachtsmarkt am kommenden Freitag, dem Tag der Eröffnung, sowie am Samstag, 9. Dezember.

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