Willofs
Mit Krautrock in den Herbst

Und wieder wurde der Herbst mit dem Festival «End of Summer» eingeläutet. Drei Tage lang feierten Alt-68er, Neohippies und andere Musikfans in den Zelten am Gasthof Obermindeltal. Dabei gelang es der Wirtsfamilie Seegger, zwei der bekanntesten, noch aktiven Bands der Krautrock-Ära nach Willofs zu lotsen: Birth Control und Guru Guru.

Interessant: Beide Gruppen fanden 1968 zusammen, beide prägten entscheidend die Krautrock-Szene der 70-er Jahre und bei beiden sitzt immer noch der Schlagzeuger aus der Gründungszeit an den Fellen. Beste Voraussetzungen also für gemeinsame Auftritte von Birth Control und Guru Guru.

In Willofs setzen Guru Guru bei ihrer Krautrock-Jazz-Variante gerne Exotisches ein wie die Nadaswaram, ein indisches Holzblasinstrument, oder eine Lapsteel-Gitarre, die auf den Oberschenkeln liegend gespielt wird. Schlagzeuger Mani Neumeier leert einen ganzen Sack silberner Schüsseln und Teller auf den Boden und drischt zu «Ooga Booga» scheinbar wahllos darauf herum. Schräger und abgefahrener geht es kaum. Aber Guru Guru können auch sanft, wie die Jazzballade «Kleines Pyjama» beweist. Das rhythmusbetonte «Tribes and Vibes» bringt alte und junge Hippies vor der Bühne in Stimmung.

Gitarrensolo auf rockigem Fundament

Noch heftiger bebt der Holzboden im Zelt nur zu Birth Controls «Gamma Ray». Bei dem Monster-Stück bespielt Bandchef Bernd Noske das Schlagzeug nicht mit Stöcken, sondern mit Rasseln und übernimmt nebenbei den Gesang. Aus dem rockigen Fundament entspinnt sich ein furios improvisiertes Gitarrensolo von Martin Ettrich, der hendrixsches Wah-Wah einsetzt und mittels Talkbox spektakuläre elektronische Effekte erzeugt. Live wächst «Gamma Ray» auf 25 Minuten Länge und löst Jahrzehnte, nachdem es erstmals auf Platte gepresst wurde, noch immer große Begeisterung aus. Was zeigt, dass Birth Control, die der deutschen Rockmusik einst ihren Stempel aufdrückten, noch lange nicht ins Museum gehören.

Dass die Band nur sieben weitere Stücke (schön: das neue, bluesige «Like nothing ever changed») in ihrem Auftritt unterbringt, ist auch den spannenden, ausgedehnten Instrumentalsoli geschuldet. Nicht unerwähnt bleiben darf die Augsburger Gruppe «Dear John Letter», die mit ihrem verträumt psychedelischem Sound den Abend hervorragend einleitet. Ebenso die Gruppe «Stadtrand» aus Kempten auf der Nebenbühne mit erdig-organischem Orgelrock.

Dieses Mal glückt den Veranstaltern des «End of Summer» die Gratwanderung, mit Punk, Ska und Reggae einerseits den Geschmack der jüngeren Besucher zu treffen, andererseits eine dicke Portion guten, alten Sound aufzufahren.

Nach den Konzerten hat man die Wahl: entweder gemütlich über das Gelände bummeln, eine Pizza essen und am Lagerfeuer sitzen. Oder in der Rock-Disco bei den DJs Axel & Axel im ersten Stock des Gasthofes einkehren. Oder doch schon schlafen gehen auf dem weitläufigen Campingareal in den Wiesen um den Gasthof, um Kräfte zu sammeln für das Schlusskonzert mit Panteón Rococó.

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