Kaufbeuren
Mit der Stirnlampe gegen die Dunkelheit

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Hell erleuchtet der Mond die Kaufbeurer Straßen frühmorgens um vier Uhr. Ihre Stirnlampe muss Karin Seitz deshalb in dieser Nacht nicht allzu oft einsetzen. Die 45-Jährige ist mit ihrem Auto in der Apfeltranger Straße unterwegs. Immer wieder hält sie an und huscht zu den Eingängen der umliegenden Häuser. Die Autotür lässt sie dabei meist offen, schließlich will sie die Bewohner nicht wecken. Seitz trägt an sechs Tagen in der Woche die Allgäuer Zeitung aus, bei Wind und Wetter.

Rund eineinhalb Stunden braucht sie für die 120 Zeitungen in ihrem Gebiet. Derzeit sind es nur 106 Exemplare. Es geht an diesem Morgen daher etwas schneller. «Wir sind noch in der Urlaubszeit, da pausiert so mancher Zeitungsleser», erklärt Seitz. Seit drei Jahren hat sie den Bezirk Apfeltranger Straße/Am Mösle, und bislang seien alle Zeitungen auch rechtzeitig zugestellt worden. Bis sechs Uhr morgens hat die Austrägerin Zeit. «Dann stehen die Ersten auf», sagt sie. Noch sind die Straßen aber leergefegt, nur ganz vereinzelt brennt Licht in den Wohnungen. «Natürlich fragt man sich manchmal, warum diese Menschen nicht schlafen und welche Schicksale dahinterstecken», gesteht die Hausfrau.

Keine Angst vor Pöbeleien

Karin Seitz könnte die Strecke mittlerweile im Schlaf absolvieren. Routiniert greift sie die Menge der Exemplare vom Stapel, der neben ihr auf dem Beifahrersitz liegt. Die Pakete hat sie vorher an der Lieferstelle in der Apfeltranger Straße eingesammelt. Wenn die Wohngebiete am Mösle leichter zu Fuß zu erreichen sind, hängt sich die Zustellerin eine große Tasche um und zieht los. Angst vor Pöbeleien oder Übergriffen hat sie nicht, wobei ihr am Anfang schon etwas mulmig zumute gewesen sei. Für die etwas dunkleren Hauseingänge oder eventuelle Stromausfälle baumelt die Stirnlampe griffbereit um den Hals. «Menschen begegnen mir aber kaum, dagegen viele Katzen», erzählt Seitz. Die Tiere begleiten sie inzwischen sogar ein Stück. Seitz meint schmunzelnd: «Ich kenne jede einzelne davon.

» Nur ein einziges Mal ist ihr bislang das Herz in die Hose gerutscht: Als eine Katze durch die offene Tür ins Auto schlich und ihr von hinten auf den Schoß sprang. Genau in jenem Moment, als sich Seitz hinsetzen wollte. «Da ist mir wirklich das Blut in den Adern gefroren, aber so etwas passiert halt.»

Das frühe Aufstehen ist schon lange kein Problem mehr. Auch das Wetter stört die 45-Jährige nicht. «Ich habe einen Hund, mit dem muss ich auch raus, egal ob es stürmt oder schneit.» Zu nachtschlafender Zeit zu arbeiten macht ihr Spaß. «Ich habe meine Ruhe, kann meinen Gedanken nachhängen und oftmals kriege ich viele Ideen, wenn ich so alleine durch die Straßen streife», erklärt sie. Die Zeitungen faltet die Kaufbeurerin inzwischen mit nur einer Handbewegung. Je nach Briefkasten werden die Blätter geknickt oder gerollt.

Ihrer Arbeit möchte Karin Seitz auf jeden Fall noch lange nachgehen, denn es hat ja auch etwas für sich, noch einmal ins warme Bett zu kriechen, während andere aufstehen und zur Arbeit gehen. Natürlich nicht, ohne vorher die Zeitung gelesen zu haben.

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