Mit dem Spürsinn eines Detektivs bei der Renovierung

Marktoberdorf | af | So ähnlich wie jetzt bei der Restaurierung muss es vor 270 Jahren gewesen sein, als die Rokokokirche gebaut wurde: An jeder Ecke von St. Martin wuselt ein Handwerker, hämmert hier, poliert da. Allmählich lässt sich erahnen, wie schön das Wahrzeichen Marktoberdorfs wird. Dabei ist bisweilen detektivische Kleinarbeit nötig wie beim Fußboden im Chor.

Beim Altar befindet sich ein großer Lüftungsschacht mit einem nicht weniger hässlichen Gitter. Sie sollen verschwinden. Nur: Wo finden sich alte Platten aus Solnhofener Jura? Gerade in dem dunklen Ton? 'So etwas wird gar nicht mehr gebrochen', bedauert Franz Probst, Experte für Naturstein-Restaurierung. Zum Glück gibt es zur Suche das Internet. Denn Probst weiß, dass im Keller alter Klöster oder Kirchen genau die Schätze ruhen, die er braucht. Zwei Rückmeldungen erhielt er bereits.

Rätsel an der Kanzel

Ein Rätsel verbirgt sich an der Kanzel. In Gravuren, die möglicherweise aus dem Barock stammen, fanden sich winzige Reste aus Gold. Das tatsächliche Aussehen wird sich wohl nie klären lassen.

Manchmal helfen da alte Fotos, die die Firma Hotter bei der Renovierung 1936 fertigte. Gemeinsam mit Dr. Hildegard Sahler vom Landesamt für Denkmalpflege blättert Stadtpfarrer Wolfgang Schilling den Katalog durch, der damals erstellt worden war und vergleicht die Aufnahmen mit der heutigen Gestalt. In regelmäßigen Abständen kämen Denkmalpfleger, Handwerker, Kirchenvertreter und andere Verantwortliche zusammen, sagt Architekt Christian Eger: 'Wir haben eine sehr wertvolle Kirche und diese Treffen kommen letztlich der Qualität der Restaurierung zugute.'

So stellte die Runde fest, dass in den Leinwandbildern noch sehr viel Arbeit steckt. An den Gemälden der Seitenaltäre entdeckten die Fachleute Schäden, die vermutlich durch falsche Materialien entstanden. Zur Festigung der Bilder wurde 1936 auf der Rückseite eine zweite Leinwand aufgeklebt. Der Kleber verdunstete durch die Risse auf der Vorderseite, wie sie üblicherweise nach vielen Jahren entstehen. Ganz vorsichtig müssen diese Spuren mit einem Schwamm abgetragen werden.

'Es sieht toll aus'

Bei ihrer Inspektion ist Sahler eine der ersten, die vom Langhaus aus einen Blick auf die Deckenschale werfen kann. Ein Teil des Gerüstbodens ist entfernt worden, um die Wirkung der restaurierten Gemälde zu begutachten: 'Es sieht toll aus', lautet ihr Urteil. 'Die Fresken kommen gut, diese Farbigkeit und die leuchtenden Farben.'

Eine leichte Fleckigkeit statt eines Reinweiß im Grundton war zu jener Zeit beabsichtigt. Drei verschiedene Farben wurden damals so miteinander vermengt, dass ein marmorierender Effekt entstand. Ähnlich ist es bei den Seitenaltäre. Dort sei versucht worden, in der Nachbildung des Steins besser als die Natur zu sein, weiß Restaurator Günther Menath zu schätzen.

Damit diese Pracht erhalten bleibt, müssten Fliegengitter an die Fenster und dürften die Türen im Sommer nur einen kurzen Moment offenstehen. Die Brummer seien ein großes Problem in den Kirchen, sagt Hildegard Sahler. Schwarze Flecken an Decken und Wänden sähen aus wie Schimmel, seien aber die fiesen Hinterlassenschaften der fliegenden Insekten.

Bis auch die Kirchenbesucher das Kleinod der Kunst in seiner Gänze bewundern können, muss noch viel gearbeitet werden. Ende September nächsten Jahres soll sich die Kirche den Gläubigen und den kunstgeschichtlich Interessierten wieder in voller Schönheit zeigen.

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