Memmingen
«Mit dem Schwert vom Leben zum Tode befördert»

Im Jahre 1834, also vor genau 175 Jahren, hat in Memmingen die letzte öffentliche Hinrichtung stattgefunden: Die 25-jährige Giftmörderin Ursula Brandmüller wurde vor einer riesigen Menschenmenge «mit dem Schwert vom Leben zum Tode befördert», wie es in einer Quelle heißt.

Der Ort, an dem das grausige Geschehen seinen Lauf nahm, heißt noch heute Schleiferplatz. Auch wenn an der belebten Kreuzung der Riedbach- mit der Luitpoldstraße nichts mehr an die einstige Hinrichtungsstätte erinnert.

Der Münchner Historiker Paul Hoser, Verfasser des zweiten Teils der «Geschichte der Stadt Memmingen», hat im Rahmen seiner Nachforschungen auch den Fall Brandmüller eingehend untersucht und dabei eine Begebenheit zutage gefördert, die es mit jeder Story der heutigen Sensationspresse aufnehmen kann. Ursula Brandmüller wurde in Dickenreishausen geboren, lernte nur sehr begrenzt Lesen und Schreiben und trat mit 16 Jahren als Magd in die Dienste eines Bauern ihres Heimatdorfes.

Immer wieder zurückgekehrt

Nach wenigen Wochen missbrauchte sie der Landwirt unter Gewaltandrohungen und vielen Versprechungen, er werde ihr den Hof übergeben. Ursula Brandmüller, damals hieß sie noch Rabus, versuchte davonzulaufen. Doch die eigene Mutter zwang sie immer wieder zurückzukehren. Mit der Zeit entstand zwischen Bauer und Magd ein Verhältnis, das Hoser als eine schier unentwirrbare Mischung aus Abhängigkeit, materiellen Versprechungen und sexueller Hörigkeit charakterisiert.

Durch eine Heirat mit dem Pflasterer David Brandmüller hoffte Ursula, dem fatalen Sog zu entkommen. Doch der Bauer ließ nicht locker. Er suchte sie immer wieder in ihrem Memminger Haus (Ecke Heidengasse/Rosengasse) auf und überredete sie schließlich, ihrem Mann Rattengift ins Essen zu mischen. Er wolle mit seiner Frau das gleiche tun, dann könnten sie heiraten.

Am Fischertag 1833 passierte es: David Brandmüller starb an einer Überdosis Arsen. Dann ereigneten sich zwei ungewöhnliche Todesfälle in Dickenreishausen: Die Frau des liebestollen Bauern starb unter ähnlichen Umständen wie der Pflasterer, der Bauer selbst erhängte sich, als man ihm sein Verhältnis zu Ursula Brandmüller vorhielt, das nicht unentdeckt geblieben war.

Von da an richtete sich der Verdacht auf die Brandmüllerin. Hoser: «Es begann nun das übliche Prozessverfahren, das trotz aller inzwischen eingeleiteten Reformen (Abschaffung der Folter, vernünftige Unterbringung des Angeklagten) immer noch die Form eines geheimen Inquisitionsprozesses hatte.»

Als sich Ursula Brandmüller, die zunächst alles abstritt, schließlich in heftige Widersprüche verwickelte, war es dem Untersuchungsrichter ein Leichtes, sie des Giftmordes an ihrem Ehemann zu überführen. Zumal auch bei der Obduktion der Leiche Brandmüllers Arsen in Magen und Darm nachgewiesen werden konnte. Ein Gericht in Neuburg verhängte das Todesurteil.

Am 7. Juni 1834 wurde es vollstreckt. Nachdem der Delinquentin vor dem Rathaus nochmals das Urteil verlesen worden war, brachte man sie, im grauen Büßerhemd rücklings auf einem Wagen sitzend, durch das Kempter Tor zur Richtstätte. Vor dem Schafott versprach sie dem Scharfrichter noch, sich «ruhig wie ein Lamm zu halten».

Nachdem ihr «zur Vermeidung störender Bewegung» Hände und Arme gebunden waren, wurde ihr vom Henker «auf einen Streich das Haupt vom Rumpf getrennt, worauf von dem gespannten Publicum ein wiederholtes Bravo ertönte».

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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