Kaufbeuren
Mit dem Dichterfürsten ins Land der Zitronen

Eine musikalisch-literarische Soiree mit Goethe-Texten und einem Flöten-/Gitarrenduo? Darunter konnte sich selbst manch altgedienter Kulturring-Besucher wenig vorstellen. Knapp zwei Stunden später wussten die leider nicht allzu zahlreichen Zuschauer, wie spannend Goethe sein kann - und wie gut die Musik der italienischen Zeitgenossen sein Werk umrahmt.

Der Kölner Theaterschauspieler Josef Tratnik schaffte es mit ausdrucksstarker Mimik und Gestik sowie abwechslungsreicher und dramatischer Sprachmelodie und -rhythmik, den jahrhundertealten Text höchst spannend zu präsentieren. Die Zuhörer wähnten sich mittendrin im turbulenten Geschehen des römischen Karnevals von 1788, fieberten beim Pferderennen mit, bewunderten primitive und ausgefallene Masken, spürten förmlich das Gedränge beim krönenden Abschluss mit Kerzenlicht überall. Nahtlos schlossen sich die Werke italienischer Komponisten aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert an. So erklang etwa das temperamentvolle «La Zingara» Donizettis, als Goethe schilderte, wie Gipskörner auf geistliche Häupter hageln. Oder es folgte das beruhigende Andante cantabile aus der 2. Nocturne D-Dur von Molino, als beim Karneval die Nacht hereinbricht.

Genauso perfekt passte das virtuose Scherzo von Giuliani zur fröhlichen Jagd auf die bunten Kerzen oder das wehmütige Larghetto aus Salverio Mercadantes Concerto d-moll zum ausklingenden Treiben. Nur gut, dass der Karneval nicht nur mit nachdenklichen Betrachtungen, sondern auch mit einem Ausblick auf weitere Fröhlichkeiten - und der lebhaften Polacca aus demselben Concerto - endete.

Das Duo Bozza präsentierte sämtliche Kompositionen in perfektem Zusammenspiel. Stefan Schäfer erwies sich als virtuoser Meister der Saiten, dem schnelle Läufe ebenso mühelos gelangen wie eine dezente Begleitung. Seine ausdrucksstarke Mimik machte das Zuschauen doppelt zum Vergnügen. Andreas Evers an der Flöte war besonders bei den Opernwerken von Domenico Cimarosa und Gioacchino Rossini sehr stark gefordert.

Mit Leichtigkeit und Herz spielte er am Ende die Zugabe des wallonisch-französischen Zeitgenossen Goethes, François-Joseph Gossec. Nachdem auch Tratnik mit einer kurzen «Zugabe» eine glückliche Nacht gewünscht hatte, verabschiedeten sich die Musiker mit einem Menuett von Schubert. Schade nur, dass nicht mehr Kulturbegeisterte diesen Abend erlebt haben.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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