Ministerpräsident lässt Oberbürgermeister stehen

Kaufbeuren/München | avu | Außer dem politischen Gegner möchte wohl so mancher dem Oberbürgermeister Stefan Bosse gerne die Hand reichen. Manchmal verhindern aber einfach nur Missverständnisse solche mitteleuropäischen Begrüßungsrituale, denn zwischen Ministerpräsident Günther Beckstein und Bosse gibt es sicher keine politische Gegnerschaft. Dennoch ließ der Landesvater den Kaufbeurer Rathauschef beim Defilee anlässlich Becksteins ersten Neujahrsemfangs im prächtigen Audienzzimmer der Münchner Residenz einfach stehen.

Kardinal Friedrich Wetter, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, die Landtagsfraktionschefs von SPD und Grünen, Franz Maget, Sepp Dürr und Margarete Bause, sind schon durch. Bosse trifft relativ spät in München ein und möchte eigentlich gleich in den Saal, ohne sich beim üblicherweise bis zu 350 Meter langen Defilee einreihen zu müssen. Da aber nur noch wenige Honoratioren anstehen und der Oberbürgermeister offenbar der Letzte ist, begibt er sich hinter dem Fürsten zu Öttingen-Wallerstein an den Schluss der Reihe und übergibt dem Protokollchef wie vorgesehen seine Visitenkarte. Doch als Bosse vor Beckstein und seiner Gattin Marga steht, die Hand ausstreckt und der Protokollchef zur Vorstellung ansetzt, wendet sich Beckstein dem Vernehmen nach ab, um in den Saal zu gehen.

Ein Muskelkrampf in der Hand des Ministerpräsidenten, ein Affront, Terminnot - nichts von alle dem. Bosse war die Sache schnell klar, wie er erzählt. Denn der Kaufbeurer Oberbürgermeister sah in seinem Smoking (ohne Orden und sonstigen Behang) aus wie das Protokolpersonal. Zudem fungierte er einst vier Jahre lang als Redenschreiber des damaligen Innenministers Beckstein in der Polizeiabteilung der Behörde, woran sich der heutige Ministerpräsident offensichtlich unterbewusst erinnerte. Ergo hielt Beckstein Bosse beim Defilee wohl für einen Mitarbeiter der Protokollabteilung, dem man nicht auch noch die Hand reichen muss.

Der Protokollchef jedenfalls war perplex. Er holte Beckstein flugs zurück und stellte ihm den Kaufbeurer Oberbürgermeister doch noch vor, obwohl ja beide längst miteinander bekannt waren. 'Es wurde dann ein längeres Gespräch', so Bosse. Bald werden sich beide wohl wiedersehen. Zu drei Anlässen ist Beckstein heuer nach Kaufbeuren eingeladen.

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Allgäuer Zeitung aus Kempten

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