Porträt
Menschen aufs Maul grsquoschaut: Heimatpoet Korbinian

Eine Renaissance erfährt derzeit das reiche Werk des Allgäuer Heimatpoeten Korbinian. Die Lebensweisheiten des schmächtigen Kempteners füllten in seiner Heimatstadt zuletzt mehrere Säle. Gerade in der Weihnachtszeit werden seine Bücher gerne hervorgeholt, und es wird etwa über seine 'Allgäuer Skiversle' gelacht.

Dabei wird meist die geniale Beobachtungsgabe des bärtigen Mannes mit seinem abgewetzten Trachtenjanker herausgestellt. Er verstand es, die Allgäuer Seele in Worte zu fassen.

Eine, die ihn ganz genau kannte, ist Cilly Glogger in Linggen bei Durach. Noch heute bewahrt sie Fotos, Autogramme und die fünf Bücher des Poeten in der guten Stube ihres Bauernhofes auf. Bei einem Stück frischen Apfelkuchen lässt die Bäuerin ihren Stammgast Korbinian lebendig werden.

Dabei beschreibt sie nicht nur einen rastlosen Streuner, der oftmals in Ställen im Oberallgäu übernachtete, sondern einen braven Familienvater mit zwei Kindern, den der Zweite Weltkrieg aus der Bahn geworfen hatte.

In seinen 'Geschichtle vom Korbinian' erzählt er vom Gebirgsjäger Vinzenz Deibele. 'Die Geschichte von einem Helden, der keiner sein wollte, könnte ein Selbstporträt sein', urteilte einst Jörg Landes, langjähriger Leiter der AZ-Allgäu-Rundschau. Obwohl Korbinian nicht gern Soldat war, mochte er die Zeit bei den Gebirgsjägern nicht missen.

Der Bankkaufmann Karl Fleischhut, wie Korbinian mit bürgerlichem Namen hieß, trennte sich nach Kriegseinsatz und Verwundung von seinem bürgerlichen Leben und seiner Familie. Die Allgäuer Bauern lagen ihm am Herzen, und so freute er sich über das Angebot seines Kriegskameraden Grath, in der Allgäuer Tierzuchthalle zu arbeiten. Hier beginnt die Karriere des Poeten. 'Korbi kam viel zu Bauern, beobachtete und schrieb seine Erkenntnisse auf', weiß Cilly Glogger.

Doch hier setzte auch die Tragik ein. 'Damals wollte ihn keiner aufnehmen, nur seine Schwester Emma achtete immer auf ihn.' Beim damaligen AZ-Verlagsleiter Hermann Volkheimer fand er einen Verleger für seine 'Hobelspäne', bei denen er den Leuten aufs Maul schaute.

Korbinian ordnete den Nachlass der Kemptener Heimatdichterin Else Eberhard-Schobacher und sichtete Tausende von Manuskriptseiten. Er bemühte sich auch an Schulen und der Volkshochschule, der Heimatkunde eine heitere Note zu geben. Er schrieb Theaterstücke (Gmoindsdiener, D’Sophie). Und er war ein gefragter Conférencier. Doch seine Erfüllung blieb die Bühne. Auf der Allgäuer Bauernbühne Sepp Mösle lief er im 'Sündigen Dorf' regelmäßig als 'Sägefeiler Korbinian' zu Hochform auf, und das Publikum lachte Tränen. Der Name Korbinian blieb ihm.

Peter Dürheimer aus Martinszell erinnert sich an einen vielzitierten Auftritt im Kornhaus: 'Korbinian hatte sich den Arm gebrochen und lag im Kreiskrankenhaus. Kurz vor seinem Auftritt bestellte er sich ein Taxi, ließ sich zum Hintereingang chauffieren und betrat im Schlafanzug die Bühne.' Dort begegnete er der AZ-Fotografin Erika Bachmann, die noch immer über die Begrüßung schmunzelt:

'Ich begrüße die AZ, die isch ganz wichtig, denn wie dät i denn sonst mein Käs einpacka.' Tosender Applaus belohnte seinen Auftritt und die Rückkehr ins Krankenhaus. 'Der Chefarzt erfuhr das am nächsten Tag aus der Zeitung', weiß der Kemptener Magnus Möst zu berichten. Er hütet noch eine Kassette mit Originalaufnahmen von Korbinian und seinem Schwiegervater, dem Volksmusiker Fritz Finkel.

Aus der 'Pennerballade' stammt der Refrain: 'Menschen, Menschen sind wir alle und Fehler hot a jeder gnua. Alle können wir nicht gleich sein, das liegt doch schon in der Natur.' Möst hat sich tief ins Werk des Poeten vertieft und trägt die Stücke öffentlich vor.

Laut Möst verstand es Korbinian wie kaum ein anderer, den Sorgen der kleinen Leute Ausdruck zu geben. Als Beispiele zitiert er: 'Unter der kleinsten Steppdecke kann der größte Depp stecken'. Der Poet notierte viele Allgäuer Begriffe wie Hägl (Stier), Grind (Kopf der Kuh) oder Bschütte (Gülle) und formte daraus ein kleines Wörterbuch.

Auf dem Glogger-Hof erschien der Mann mit der Zipfelmütze meist mit der Frage 'Wenn’d a Schnäpsle und a Biere hättest' und setzte sich auf die Fillebank vor dem Haus. Vielleicht kam ihm auch hier die Idee zur Teilnahme am Festwochenumzug 1950. Damals trieb er einen Esel durch die Stadt, auf den er zwei Geldsäcke geschnallt hat.

Das große Geld sah Korbinian nie. 1980 starb der Poet verarmt. Ein Jahr später benannte die Kemptener Familie Palmer eine Gaststätte nach ihm. Heute erinnert einzig ein Weg in Kempten an Korbinian.

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