Japan
Memmingerin Hiromi Tabe-Altvater ist in Sorge um ihre Eltern, die unweit des Kernkraftwerks leben

Im Wohnzimmer der Familie Altvater hängt ein Foto, das schlagartig Urlaubsstimmung aufkommen lässt. Es ist ein herrlicher Sommertag, blauer Himmel über dem Pazifik. Im Vordergrund sitzt eine Gruppe gut gelaunter Menschen. «Wahrscheinlich ist hier jetzt alles zerstört», sagt Hiromi Tabe-Altvater. Das Foto, das die pure Idylle ausstrahlt, entstand im Jahr 2003 nahe der Stadt Sendai, die von der Katastrophe in Japan besonders stark getroffen wurde. Auf dem Bild sind Bekannte der Altvaters zu sehen, von denen die Memminger Familie immer noch nicht weiß, ob sie Erdbeben und Tsunami überlebt haben. «Die Unsicherheit ist das Schlimmste», klagt Hiromi Tabe-Altvater.

Die Eltern der 53-Jährigen, die ihren Mann in Tokio kennengelernt hatte und mit ihm nach Deutschland gekommen war, leben nur rund 100 Kilometer von Fukushima entfernt. Sie wohnen also in der Nähe der Stadt, in der es zu einer Explosion in einem Atomkraftwerk gekommen ist. Hiromi Tabe-Altvater bangt um die Gesundheit von Mutter und Vater: «Ich habe Angst, dass sie von einer radioaktiven Strahlung betroffen sein könnten.»

Haus hat stark gewackelt

Am Samstag, einen Tag nach dem Erdbeben, hatte Hiromi Tabe-Altvater ihre Mutter telefonisch erreicht: Sie sagte, dass das Haus stark gewackelt habe. Meine Eltern dachten, dass es zusammenfällt.

» Doch dazu sei es glücklicherweise nicht gekommen, «nur eine Glasscheibe ging kaputt». Viel mehr habe ihre Mutter über die aktuelle Lage im japanischen Katastrophengebiet nicht erzählen können, sagt Hiromi Tabe-Altvater: «Sie stand unter Schock.» Einer der drei Söhne der Wahl-Memmingerin und ihres Mannes Rudolf lebt in Tokio, er will dort studieren. «Ihm geht es gut», sagt Hiromi Tabe-Altvater. Auch zwei Freunde aus Memmingen, die ihn in Japan besuchten, seien wohlauf. Der Sohn der Altvaters schrieb am Sonntag eine Mail, in der es hieß, dass die Lage in Tokio «einigermaßen normal» sei. Auch der Jüngste der drei Söhne wollte im Sommer nach Japan fliegen. Doch jetzt müsse man erst einmal abwarten, ob das sinnvoll sei, sagt sein Vater.

Straße in zwei Teile zerrissen

Hiromi Tabe-Altvater, die Japanisch an der Memminger Volkshochschule unterrichtet, hätte ihre Eltern jetzt am liebsten bei sich. Doch sie kämen gar nicht bis zum nächsten Flughafen, sagt die 53-Jährige: «In den Straßen sind große Risse.» Das weckt Kindheitserinnerungen bei ihr: «Ich war in der ersten Klasse, als ich sah, wie eine Straße in zwei Teile zerrissen wurde.» In Japan kommt es immer wieder zu Erdbeben, die Menschen werden intensiv auf den Ernstfall vorbereitet. «Das geht schon im Kindergarten los», erzählt Hiromi Tabe-Altvater.

Während des Gesprächs am Sonntagnachmittag schaut sie öfters auf den Fernseher, wo ständig neue Bilder aus Japan zu sehen sind. Auf die Frage, wie es in ihr aussieht, antwortet die 53-Jährige: «Innerlich zittere ich. Ich finde keine Ruhe.»

 

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