Kaufbeuren
«Mehr Freiräume und Unterstützung notwendig»

Geht es um die Kinder und Jugendlichen, lassen immer neue Schlagzeilen aufhorchen. Fast 20 Prozent der unter Sechsjährigen in Deutschland leben in Hartz IV-Familien. Der Medienkonsum steigt bei den Heranwachsenden auf mehrere Stunden am Tag. Kinder werden immer dicker, schaffen es oft nicht im Sportunterricht auf einem Bein zu stehen. Nachrichten von Gewalttaten junger Menschen beherrschen tagelang die Nachrichten. Wir sprachen darüber mit Peter Kuhn. Der 62-Jährige ist Vorsitzender des Boxclubs Kaufbeuren und Bezirksjugendwart Boxsport. Durch seine Tätigkeit liegt ihm auch die Jugendarbeit am Herzen.

Herr Kuhn, wie kann die Gesellschaft die Jugendlichen besser erreichen?

Kuhn: Da gibt es natürlich viele Ebenen. Meine Plattform sind die Vereine. Über den Boxport holen wir nicht nur die Jugendlichen von der Straße, wir erreichen alle jungen Leute und können Werte vermitteln.

Aber klagen die Vereine nicht über Nachwuchsmangel?

Kuhn: Das zieht sich tatsächlich durch alle Sportarten. Im Boxclub Kaufbeuren kommt hinzu, dass wir vom Martinsheim in den Gablonzer Ring ziehen mussten und dadurch 20 Jugendliche aus der Apfeltranger Straße verloren haben, denen der Weg nun zu weit ist. Das war vor zwei Jahren. Unsere Mitgliederzahl ist jetzt noch mal von 80 auf 70 gesunken.

Was kann der Sport für die Jugendarbeit bewirken?

Kuhn: Nehmen wir das Boxen. Die Jugendlichen lernen ja nicht nur Angriff und Verteidigung, sie lernen, sich zu respektieren. Die bauen Aggressionen ab. Das ist Gewaltprävention. Wenn unsere Leute im Ring stehen, spielen die sozialen Unterschiede, die Herkunft und die Religion keine Rolle mehr. Alle sind gleich.

Was ist der Grund für den allgemeinen Mitgliederschwund?

Kuhn: Viele Familien haben schlicht kein Geld für die Mitgliedschaft. Eine Rolle spielt aber auch, dass Jugendliche oft gar keine Zeit mehr für den Sport haben. Der Druck nimmt zu, die Schulwege werden länger. Die meiste Zeit geht fürs Lernen drauf. Die Tendenz geht zur Ganztagsbetreuung in der Schule, weil beide Elternteile berufstätig sind.

Früher haben wir auf der Straße gespielt, bis es dunkel wurde. Diese Zeiten sind vorbei.

Mit welchen Folgen?

Kuhn: In den Vereinen, nicht nur beim Sport, wächst das Zusammengehörigkeitsgefühl, es werden Tugenden vermittelt. Die Jugendlichen lernen auch zu verlieren und Toleranz zu üben. Sie haben dort ihren Platz in der Gesellschaft. All das steht auf der Kippe, wenn die Mitgliederzahlen allgemein und vor allem im Leistungssport weiter zurückgehen. In manchen Vereinen werden ja auch noch Erziehungsdefizite aufgefangen.

Aber die Schulen haben doch auch Angebote, von der Arbeitsgruppe am Nachmittag bis zum Sportunterricht.

Kuhn: Die Kinder haben viel zu wenig Sportunterricht, der sich dann auch noch meist auf Ballspiele und Disziplinen der Leichtathletik beschränkt. Hier müssten sich die Schulen viel mehr öffnen. Lehrkräfte sollten sich auch mit ganz anderen Sportarten beschäftigten, ich nenne nur den Kampfsport. Eine Zusammenarbeit mit den Vereinstrainern wäre gut, aber das findet viel zu selten statt. Zudem haben die Lehrkräfte immer weniger Zeit, weil der kompakte Unterrichtsstoff abgearbeitet werden muss. Leider gibt es auch zu wenige Sportinternate in Bayern, in denen - abseits des Wintersports - Jugendliche auch in anderen Sportarten gefördert werden.

Müssen dann nicht die Vereine umso aktiver werden?

Kuhn: Die Vereine sind doch schon an der Belastungsgrenze. Sie erhalten immer weniger Zuschüsse und müssen um die Turnhallenbelegungen kämpfen. Mit etwas gutem Willen könnte man den Trainern das Leben leichter machen und so der wichtigen Jugendarbeit im Verein Auftrieb geben.

Was ist Ihrer Meinung nach zu tun?

Kuhn: Die Vereine müssen mehr Freiraum und Unterstützung bekommen. Wir können die Eltern nicht zwingen, uns ihre Kinder zu schicken. Der Gesetzgeber und die Stadt sollten die Arbeit der Vereine jedoch höher einschätzen. Probleme, denen wir mit unserer Jugendarbeit begegnen, müssen später nicht die Sozialarbeiter der Stadt lösen.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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