Musikunterricht
Mehr als früher wird Wert auf Praxis gelegt, sagt Lehrer Ernst Bestfleisch vom Kemptener Allgäu-Gymnasium

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«Buon giorno», sagt der Lehrer Ernst Bestfleisch. «Buon giorno», antworten ihm 22 Kinderstimmen. Nein, Bestfleisch gibt nicht Italienisch. Der Mann mit der schwarzen Hose und dem rostbraunen Pullover unterrichtet Musik. Gerade ist die Klasse 6a des Allgäu-Gymnasiums (AG) Kempten in den großen Musiksaal gekommen, die Schüler dürfen sich noch nicht setzen. Erst will Bestfleisch eine Rhythmusübung mit ihnen machen.

Er lässt die Schüler auf der Stelle treten. «Das sind die Viertel.» Dann ruft er: «Uno, due, tre, Spaghetti, Patate, Caffè.» Die Kinder wiederholen. Der Sprechgesang sind die Achtel und Triolen zu den Vierteln der Beine. Das hört sich gut an.

Nun benötigt Bestfleisch drei Schüler für die Congas und Bongos, die er vor der Stunde hergerichtet hat. Es melden sich viel mehr. Und als drei Jungen an den Percussion-Instrumenten stehen, sind sie in ihrem Spieleifer kaum zu bremsen. Der Lehrer lacht, animiert die Schlagzeuger und Sänger mit Mimik und Gestik. Nach 20 Minuten hat dieser Spaß ein Ende. Ernst Bestfleisch schaltet die Anlage ein, ein Orchester spielt den dritten Satz von Anton Bruckners 4. Sinfonie. Und nun wird klar, warum der Lehrer die Viertel, Achtel und Triolen singen und klopfen ließ: Das ist der Rhythmus von Bruckners Musik.

Das schwere sinfonische Werk soll, so erklärt Bestfleisch nach dem Unterricht, für die Kinder erfahrbar gemacht gemacht werden. «Die Grundmaxime lautet: Nichts lehren, was die Schüler nicht auch selbst singen und spielen können.» Dieses «Musik machen» oder besser noch «Musik be-greifen» mit den eigenen Stimmbändern, mit Händen und Füßen gebe es im gymnasialen Lehrplan erst seit etwa zehn Jahren. «Am Ende der Stunde soll die Tafel nicht voller Noten stehen», sagt der 62-Jährige, der den Musikunterricht am AG lange prägte. «Die Sinne zu wecken, ist wichtig.» Seit 1974 unterrichtet Bestfleisch, nach diesem Schuljahr geht er in Altersteilzeit.

Die Schüler finden das auch prima. «Gut, dass wir nicht so viel schreiben», meint Robert aus der 6a. «Singen und Keyboardspielen macht richtig Spaß», fügt Josef an. Und was mögen die Schüler weniger? «Kindische Lieder singen», antwortet Benjamin.

Der Musiklehrer als Dompteur

Bei all der Praxis fordert der Lehrplan - natürlich - auch Theorie. Ernst Bestfleisch kennt die Enttäuschung seiner Schüler, wenn er sagt: «Heft auf!» An diesem Vormittag wird aber auch die 5d von dieser Bitte verschont. Die Klasse ist in den Keyboard-Saal gekommen. Kaum sitzen die Kinder, stimmt Bestfleisch vom Klavier aus das Lied «Geht der Winter erst zu Ende» an. Sein schmissiges Spiel und die modernen Harmonien reißen die jungen Sänger hörbar mit. Dann lässt er die Fächer der Tische öffnen.

Nun hat jeder Schüler ein Keyboard vor sich. Bestfleisch will mit ihnen ein zweistimmiges Stück von Joseph Haydn einstudieren. Mit einfachen Melodien wohlgemerkt.

Diese Unterrichtsstunde ist für Bestfleisch eine Art Dompteur-Nummer in Sachen Disziplin. Auch wenn er darum bittet, erst auf sein Zeichen hin zu spielen - es gibt immer jemanden, der etwas ausprobiert oder auf den Tasten klimpert. Oft muss Bestfleisch ein lautes «Stopp!» rufen, damit Ruhe im Raum einkehrt. Am Ende aber spielen fast alle 26 Schüler, von denen weit über die Hälfte nie Klavierunterricht hatte, das Haydn-Stück. Die einen mit sichtbarer Begeisterung, andere eher notgedrungen. «Das ist schwer, war aber prima», lobt der Lehrer.

Wie kommt Musik in Zeiten von G8 und Nachmittagsunterricht bei den Schülern an? Beim regulären Unterricht habe sich nicht viel geändert, sagt Bestfleisch. Er spalte seit jeher die Schüler in zwei Lager. Die einen finden Musik toll, die anderen überhaupt nicht. Generell sei das Interesse groß, das beweise die große Nachfrage bei den Streicherklassen, welche das AG seit 2007 anbietet.

Was sich aber geändert habe, sei das «musikalische Leben» abseits des Pflichtunterrichts. «Bei den Chören und Orchestern halten sich Eltern und Schüler immer mehr zurück», erklärt Bestfleisch. «Aus Angst vor Überforderung.» Folge: Die Ensembles werden kleiner, die Arbeit für die Musiklehrer gestalte sich immer schwieriger.

Musik «be-greifen»: Im Unterricht wird neben der Theorie auch viel mit den Händen und den Stimmbändern gemacht. Lehrer Ernst Bestfleisch - hier mit der Klasse 6a des Allgäu-Gymnasiums - gibt den Takt vor. Fotos: Ralf Lienert

Jeder Schüler spielt ein Keyboard: die Klasse 5d bei einer Haydn-Melodie.

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