Wärmestube
Mehr als eine warme Mahlzeit

Ein geschmückter Christbaum steht auf einer Kommode. An der blassgelben Wand hängt ein Holzkreuz. Es ist warm in der sogenannten Wärmestube. Aber nicht deswegen trägt das Zimmer in der Hinteren Gerbergasse diesen Namen. «Gemeint ist die Wärme im übertragenen Sinn», sagt Sozialbetreuerin Carmen Hauptmann. Die innere, menschliche Wärme. In der Hinteren Gerbergasse finden sozial Schwache eine Anlaufstelle. Finden jemanden zum Reden. Jemanden, der ihnen zuhört.

Dieser jemand ist Carmen Hauptmann. Sie arbeitet seit 17 Jahren für den Katholischen Verein für soziale Dienste (siehe Infokasten), der die Wärmestube leitet. «Man hat das Gefühl, dass man etwas Sinnvolles tut», sagt sie. «Wir sind die Feuerwehr, die den ersten Brand löscht.» Danach müssen sich die Menschen selbst weiterhelfen: «Wir wollen kein Rettungsmäntelchen überstülpen, sodass sich der andere nicht mehr bewegen kann, sondern gemeinsam nach Lösungen suchen.» Nach Lösungen, wenn beispielsweise eine Arbeit oder Geld fehlt. Wenn die Menschen zu viel Alkohol trinken, Drogen nehmen oder psychische Probleme haben.

20 Cent für eine Tasse Kaffee

Für einen Euro bekommen die Besucher ein Mittagessen. Eine Tasse Kaffee oder Tee kostet 20 Cent. Auch zwei Duschen, eine Waschmaschine und ein Telefon sind vorhanden. Und an Heiligabend gab es sogar einen Gabentisch mit Tabakwaren, warmen Socken und Mützen. «Weihnachtslieder singen ist nicht so mein Ding. Aber ich habe Essensgutscheine und Zigaretten bekommen», sagt eine grauhaarige Besucherin und nimmt den letzten Schluck Kaffee aus ihrer Tasse. Auch für das Silvester-Essen habe sie sich eingetragen: «Weil ich sonst nicht zu einer kostenlosen Pizza komme.»

Der Mann am Nebentisch mit dem auffallend großen Hut und den schulterlangen roten Haaren war zur Bescherung auch in der Gerbergasse: «Da habe ich zum ersten Mal seit 20 Jahren Weihnachten gefeiert», sagt er. Früher sei er beruflich viel unterwegs gewesen - in Japan, Indonesien, Australien oder China. Seit vier Monaten komme er regelmäßig in die Wärmestube. «Ich bin beruflich und finanziell abgesoffen.» Und es gebe noch andere Gründe. Aber über die wolle er jetzt nicht reden. Sein Tischnachbar mit der Brille und dem kurzen Haar will reden. Er erzählt, dass er früher große Partys organisiert und bei BMW in München gearbeitet habe. «Irgendwann habe ich gekündigt. Das war ein Fehler.»

Derweil wird die Wärmestube in der Hinteren Gerbergasse immer voller. Besucher tragen sich für das Mittagessen ein. Die Frau mit den grauen Haaren geht zum Rauchen nach draußen. An der Eingangstür hängt ein Schild: «Wir sind sehr froh, dass es so eine Einrichtung gibt», steht da drauf. Und weiter: «Weil man hier als Mensch akzeptiert wird.»

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