Kleinkemnat
Maßarbeit im Melkstand

An diesem Morgen im Herbst wirkt Kleinkemnat wie ein Bergdorf in den tiefsten Alpen. Die Kirchenglocken läuten um 6 Uhr «das Gebet», die Nebel wallen und aus der weißen Dunstwand oberhalb hört man die Schellen des Jungviehs bimmeln. Die für viele ungewohnte frühmorgendliche Stimmung ist für Rudolf Bartenschlager Alltag. An fast allen 365 Tagen des Jahres ist er um diese Zeit auf, um sich um seine rund 20 Kühe, das Jungvieh und «das Schwein für den Eigenbedarf» zu kümmern.

Gerade hat der 39-jährige Landwirt seine Milchkühe vom Freilauf-Bereich des Stalls in Richtung Melkstand getrieben und die dortige Absperrung verriegelt. Dann steigt Bartenschlager flink auf den Traktor, startet den Motor und das hinten am Ladewagen angebrachte Förderband bringt das am Vorabend frisch gemähte Gras in die Futterrinne. Dort können sich die Rinder dann nach dem Melken «bedienen».

Die Tiere haben wie der Bauer das Prozedere, das sich täglich zweimal in ähnlicher Form wiederholt, völlig verinnerlicht. So drängeln die ersten Kühe schon ungeduldig, während Rudolf Bartenschlager die wenigen Stufen vom Stallniveau hinab in den Melkstand steigt.

Die geräumige Vertiefung im Boden ermöglicht es, die silbern glänzenden Melkzeuge mit ihrem Schlauchgewirr an die Euterzitzen anzusetzen, ohne sich bücken zu müssen. Bartenschlager zieht mit einem Strick die Absperrung aus Stahlrohren nach oben und die ersten Kühe drängen in die sechs Plätze des Melkstandes.

Inzwischen ist auch Bartenschlagers Frau Monika die Stufen heruntergestiegen. Wenn nicht gerade Erntezeit ist und ihr Mann in aller Früh aufs Feld muss, ist Monika Bartenschlagers Gastspiel im Melkstand relativ kurz. Das älteste der drei Kinder muss seit Kurzem in die Schule und so kehrt die Mutter bald wieder ins Haus zurück. «Wir haben ja nicht so viel Vieh, da geht das Melken eigentlich problemlos alleine», so der Landwirt.

Dass er seinen Beruf mit Leib und Seele ausübt und eine enge Beziehung zu seinen Tieren hat, merkt man, wenn er jede Kuh, die in den Stand kommt, auf Anhieb erkennt und gleich um ihre Eigenheiten weiß. «Die braucht immer ein bisschen länger, darum stecke ich die als Erste an», erklärt Bartenschlager beispielsweise.

Die Stahlrohr-Absperrungen heben und senken sich, der Melkstand füllt und leert sich und fast meditativ setzt Bartenschlager immer wieder die Melkzeuge an, streift einige Minuten später mit der Handfläche an den Eutervierteln hinunter und nimmt das Melkzeuge wieder ab.

Während die Geräte im Takt des pulsierenden Unterdrucks der brummenden Vakuumpumpe arbeiten, kümmert er sich um kleine Verletzungen an den Klauen und reinigt und desinfiziert die Zitzen der Kühe, die als Nächste an der Reihe sind. Nachdem die Kälber und das Jungvieh versorgt sind und die gesamte Melkanlage - zum Teil automatisch - sorgfältig gereinigt ist, kommen Bartenschlagers Kühe den ganzen Sommer über auf die Weiden hinter dem Hof. «Wenn man nur wirtschaftlich rechnet, macht das keinen Sinn. Aber das gehört auch ein bisschen zu unserer Philosophie», sagt der Landwirt und lächelt.

Die Freude an seinem Beruf kann aber auch Bartenschlager nicht über dessen Härten hinweg täuschen: «Ich stehe jeden Tag vor sechs auf und habe selten vor sieben abends Feierabend. Das ist schon ein langer Tag. Und wenn man so viel arbeitet, dann würde man auch gerne wenigstens ein bisschen was verdienen», spielt er auf die aktuelle Diskussion um den Milchpreis an. Doch nach der Stallarbeit genießt er erst einmal einen der Vorzüge, die sein Beruf hat: «Für das Frühstück kann man sich als Bauer normalerweise ein bisschen Zeit nehmen.»

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