Allgäu
«Man vertraut sich gegenseitig sein Leben an»

Sonthofen Vorsichtig setzt Sophia (12) ihren rechten Fuß auf den flachen, abgerundeten Trittstein. Dann greift sie mit der linken Hand nach dem blassorangefarbenen Griff mit den praktischen Fingermulden. Wieder einen Schritt weiter - an der senkrechten Wand, die rund acht Meter in die Höhe ragt. Unten steht ihre gleichaltrige Freundin Nicole, die jede von Sophias Bewegungen aufmerksam verfolgt und sie mit dem Seil sichert. Kletterunterricht für Schüler des Gymnasiums Sonthofen in der Allgäu-Sporthalle.

Schulsport ist mehr als Turnen, Schwimmen und Leichtathletik. Auch in den Oberallgäuer Schulen gibt es attraktiven und modernen Unterricht. In einer Serie stellen wir einige Beispiele vor.

Rund 20 Schüler von der siebten Jahrgangsstufe aufwärts, im Alter von 12 bis 18 Jahren, treffen sich hier jeden Donnerstagnachmittag, um an der Wand mit den Passagen vom dritten bis zum achten Schwierigkeitsgrad - am 12 Meter hohen und vier Meter herausragenden Überhang - das Klettern zu üben und zu trainieren. Etwa zwei Drittel der Kraxler sind Anfänger, sagt Magnus Wucher. Der 36-jährige Lehrer für Mathe und Sport ist seit sechs Jahren am Gymnasium Sonthofen. Seit dieser Zeit bietet der Fachübungsleiter für Sport- und Mittelgebirgsklettern die Kletterkurse an. Zunächst in seiner Freizeit, nun regulär als Wahlunterricht.

Noten gibts dafür nicht, aber wertende Bemerkungen im Zeugnis: «hat mit gutem/sehr gutem/ Erfolg teilgenommen».

Wucher freut sich, dass die Realschule als Hauptnutzer der Halle den Gymnasiasten dort das Sportklettern ermöglicht. Der Deutsche Alpenverein (DAV) stellt die Wand sowie die Ausrüstung wie Seile, Gurte und teilweise auch die Schuhe zur Verfügung. Lediglich die Hüfttäschchen mit dem Magnesium gegen «schwitzige Finger» bringen die Teilnehmer selber mit. Hier können die Schüler die ersten Erfahrungen sammeln, sagt der Lehrer. «Sie können gucken, ob ihnen der Sport liegt.» Wucher freut sich aber auch, dass Schüler, die mit anderen Sportarten nicht so glücklich sind («nicht jeder ist ein Fuß- oder Volleyballer»), hier ihre Erfolgserlebnisse sammeln können.

Die Mischung aus Neulingen und Könnern, aus jüngeren und älteren Schülern ist seiner Meinung nach gelungen: «Die Sechst- und Siebtklässler finden es total toll, mit den Kollegiaten zusammen Sport zu machen.» Und die Schüler, die kurz vor dem Abitur stehen, lernten verantwortungsvolles Handeln im Umgang mit den Kleineren. Überhaupt sei neben der persönlichen Leistungssteigerung und der Verbesserung der Klettertechnik die Sicherung das wichtigste Unterrichtsthema: «Man vertraut sich gegenseitig das Leben an.»

Nicht von ungefähr, so Wucher, der aus Weiler im Westallgäu stammt, habe die Erlebnispädagogik ihren Ursprung im Klettersport. Denn die sozialen Fähigkeiten werden geschult, wenn man sich aufeinander verlassen und sich gegenseitig Mut zusprechen muss. Trainiert werden aber auch Beweglichkeit, Körpergefühl, der Aufbau von Körperspannung und die Konzentrationsfähigkeit.

Schwindelfreiheit und die Überwindung von Höhenangst seien wichtige Voraussetzungen. Latein- und Sportlehrerin Christine Reder (30), die Wucher im Kletterkurs zur Seite steht, nickt: «Nervenkitzel» sei schon auch dabei. Beim Mountainbiken, lächelt sie, habe sie weniger Angst: «Das ist näher am Boden.»

Kommentar von Kollege Wucher: «Gut fürs Selbstbewusstsein.» Er schätzt am Klettern das Naturerlebnis, das Spiel mit dem Körper, aber auch die unglaubliche Konzentration, «sodass man alles andere vergisst». Diese Erfahrung möchte er seinen Schülern weitergeben, indem er ihnen im Unterricht das theoretische Wissen und die technischen Fertigkeiten vermittelt mit dem Ziel, selbstständig klettern zu können. «Im Endeffekt», betont Wucher, «soll der Schulsport zu lebenslangem Sporttreiben anregen.»

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