Allgäu
«Man hat auch manchmal Glück im Leben»

«Treffpunkt Stadtpark» heißt eine Serie der MZ. In reizvoller Umgebung, auf dem früheren Landesgartenschau-Gelände, sprechen wir mit bekannten Memmingern und Unterallgäuern. Interviewpartner war diesmal Seniorenheimleiter Edmund Güttler von der Arbeiterwohlfahrt (AWO).

Memmingen Der erste Schicksalsschlag trifft Edmund Güttler 1978. Sein Sohn Frank kommt zur Welt und ist behindert. Eine Wasserblase hat das kleine Gehirn zusammengedrückt und Sprachzentrum und Motorik gestört. Frank wird im Rollstuhl sitzen und nicht zusammenhängend sprechen können. «Aber so sehr man mit einem solchen Schicksalsschlag hadert, so sehr bin ich auch dankbar», sagt Güttler. Denn ohne Frank wäre der füllige Mann nie zum Leiter der AWO-Seniorenheime geworden. Und das macht ihm «saumäßig Spaß».

Die Geburt seines behinderten Sohnes, den Güttler und seine Frau Hannelore «schweren Herzens» in eine Einrichtung für Behinderte geben mussten, weil er aggressiv wurde, war für den 61-Jährigen ein Schlüsselerlebnis. Nach 22 Jahren in der Industrie bekommt der Memminger, der immer stärker das Bedürfnis hat, Menschen zu helfen, Gelegenheit, in den sozialen Bereich umzusatteln.

«Es war eine Fügung», sagt Güttler. Als er die Arbeit im Altenheim an der Hühnerbergstraße anfängt, ist es für ihn, «als hätte ich nie was anderes gemacht. Ich kann sehr gut mit alten Menschen umgehen. Ich habe da keine Hemmungen. Vielleicht ist es mir gegeben.»

Täglich ist Güttler jetzt mit dem Altwerden konfrontiert und manchmal macht ihm das, «was auf einen zukommen könnte», auch Angst. Aber das schmälert seine Begeisterung für die Arbeit nicht. Er schätzt die Gespräche mit den Senioren und ruft die Einrichtungen in der Buxacher Straße und in der Badgasse ins Leben.

Der Erfahrungsschatz der alten Menschen, die im Krieg fliehen oder um ihre Kinder trauern mussten, lasse ihn viel lernen. «Da wird man manchmal ganz klein», sagt der Mann mit grau-weißem Vollbart, der sich als «absolut überzeugten Memminger» bezeichnet und im Stadtrat nicht nur für betagte Bürger etwas tun will. «Was einem groß erscheint, sind oft Kinkerlitzchen.»

Aber Kinkerlitzchen sind es nicht, die Güttler widerfahren. Vor Kurzem ist Andreas, sein zweiter Sohn, an einem Gehirntumor gestorben. «Man muss da durch, so hart es ist», sagt er. «Ich bin mit meiner Frau fast 39 Jahre verheiratet. Und dann das Schicksal mit unserem behinderten Sohn - wir halten zusammen.» Die Frage nach dem Warum stelle er sicht nicht. Neben seiner Ehe schöpft Güttler Kraft aus dem Glauben oder einem Spaziergang in der Natur.

«Großen Rummel» mag er nicht, sondern lieber die Stille im Bayerischen Wald und an der Nordsee. Wie an diesem Tag kommt er zu jeder Jahreszeit in den Stadtpark. Und wenn es gerade schwierig ist, so wie jetzt, blickt er auf die guten Dinge zurück.

Zum Beispiel auf seinen Berufswechsel oder auf den Sommer 1992, als es an den «Niagara-Fällen» bei der Frauenkirche um eine halbe Minute nach acht «einen Schlag gemacht hat» und eine 2600 Gramm schwere Forelle in seinem Bären zappelte. «Das war ein tolles Erlebnis», sagt Güttler, der damals Fischerkönig wurde und für ihn ein Traum in Erfüllung ging. «Man hat auch manchmal Glück im Leben.»

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