Kempten
Mächtige Klänge und sanfte Töne

Spätestens bei John Dowlands «Pavane (Lacrimae)» muss man als Zuhörer in der Kemptener St.-Mang-Kirche die Augen schließen. Das Abtauchen in die Dunkelheit, so scheint es, erhöht die Intensität, mit der die Töne die Ohren treffen. So geht es vielen unter den 450 Besuchern an diesem Abend. Satte, mächtige Klänge mitunter, erzeugt von Trompeter Ludwig Güttler und den zehn Kollegen seines Blechbläserensembles.

Das Werk des englischen Komponisten Dowland (1563-1626) ist geradezu prädestiniert, Bilder vor dem geistigen Auge entstehen zu lassen. Und so könnte man sich liegend auf einer Wiese wähnen, den Blick zum Himmel gerichtet. Dort oben treiben die Wolken ihr Spiel, werden vom Wind gerieben und rutschen irgendwann sanft ineinander.

Ähnliches geschieht mit den Klängen bei Dowland. Auch hier überlappen sie ständig, greifen ineinander wie ein prima funktionierendes Räderwerk - meisterlich intoniert von Güttler und Co.

Der Chef des Blechbläserensembles bietet ein ausgetüfteltes Programm.

Vor Dowlands Pavane beispielsweise platziert er ein Stück von Moritz Landgraf von Hessen (1572-1632), einem gelehrten Mann, der acht Sprachen beherrschte, die Musik liebte, als ernstzunehmender Komponist seiner Zeit galt, und bei dem Dowland in Kassel damals für kurze Zeit eine Anstellung fand.

Allerdings: Die musikalischen Handschriften der Beiden sind unterschiedlich. Gerade bei des Landgrafs impulsiven «Canzon doppelchörig» wird deutlich, dass Ludwig Güttler und seine Kollegen auf einem schmalen Grat wandern: Bei zu viel Wucht und Lautstärke droht der Klang zu überschlagen und einem schwerfälligen Brei zu ähneln. Gleichwohl stürzt das Ensemble nicht ab. Dafür sorgt, gestenreich und mit großer Bühnenpräsenz, Ludwig Güttler. Man weiß manchmal nicht so recht: Spielt der Mann nun Trompete oder dirigiert er gerade? Mitunter gelingt ihm beides gleichzeitig.

Mit viel Einfühlungsvermögen

Das Glanzlicht nach der Pause setzen die Musiker aus Dresden mit Anton Bruckners «Drei Stücken für Blechbläser: Ave Maria, Antiphon, Ecce sacerdos». Mit welchem Einfühlungsvermögen, mit welcher Wärme und Noblesse gerade der letzte Satz in der ansprechenden Umgebung der St.-Mang-Kirche erklingt, ist einfach ergreifend.

Der lang anhaltende Applaus nach eineinhalb Stunden ist hörbares Zeichen dafür, dass Ludwig Güttler und dessen Ensemble (am heutigen Freitag um 20 Uhr übrigens zu Gast in der St. Mang-Kirche in Füssen) nicht nur mit mächtigen Klangbauten punkteten, sondern die 450 Zuhörer auch mit sanften Passagen tief berührt hat.

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