Bregenz
Liebesduett über der Kloschüssel

Mit drei Operetten stellte sich die Opera North aus dem englischen Leeds bei den Bregenzer Festspielen am Bodensee vor. Einen glänzenden Eindruck hinterließen dabei sämtliche Solisten, Tänzer sowie Chor und Orchester der Opernbühne. Herausragend außerdem der Bregenzer Festspielintendant David Pountney, der bei «Paradies Moskau» von Dmitiri Schostakowitsch Regie führte. Im Vergleich zu seinem Ideenreichtum wirkte die Arbeit von Caroline Gawn bei «Für Dich Baby - Of Thee I Sing» von George Gershwin einfallsarm. Und Richard Jones, der die zeitgenössische Operette «Skin Deep» von David Sawer inszenierte, konnte dem abstrusen Stoff offenbar nicht viel abgewinnen.

«Paradies Moskau»: Das Ende der 1950er Jahre entstandene Werk handelt von bedrückender Wohnungsnot in Moskau und vom Bau einer neuen Beton-Vorstadt. Pountneys Inszenierung ist schnell, schräg, knallig. Kein Takt der Musik, kein Dialog der Protagonisten, zu denen ihm nicht passende Bilder, Requisiten, Tänze einfielen, die Intensität der Operette steigern. Pountney arbeitet mit üppiger Übertreibung, feinem Sarkasmus und Zweideutigkeiten. Den Schulterschluss zwischen Parteibonze und korruptem Hausverwalter stellt er mit einem köstlichen Ballett à la Stan und Oli dar, den Traum kleiner Leute vom eigenen Heim im Tanz eines mannsgroßen Haushaltsmixers mit Kühlschrank und Herd, und die fast naive Anspruchslosigkeit des Volkes lässt er in einem Liebesduett über der neu montierten Kloschüssel gipfeln.

Die an russische Volksmusik angelehnte und mit amerikanischen Musical-Zitaten aufgefrischte Komposition Schostakowitschs erhält so mehr Farbe - und das Publikum im dreiviertel ausverkauften Festspielhaus ließ sich schon zwischen den Szenen zu «Zugabe»-Rufen hinreißen.

«Für Dich Baby - Of Thee I Sing»: Mit ihrem 1931 geschriebenen Musiktheater beschreiben George und Ira Gershwin den Wahlkampf eines amerikanischen Präsidentschsaftskandidaten, den er mit einer öffentlichen Liebeserklärung und mit Korn-Muffins gewinnt. Ihren Schwung zieht diese Aufführung weniger aus der Inszenierung als aus der mitreißenden Musik George Gershwins und dem satirischen Libretto Ira Gershwins. Mit einer ordentlichen Portion Selbstironie wird da die emotionale Steuerbarkeit der Amerikaner entlarvt, ebenso ihr oberflächliches Interesse an der Politik.

Außer den Muffins anstatt der Sterne auf der amerikanischen Flagge hält aber weder das Bühnenbild Überraschungen bereit, noch die schauspielerische Umsetzung des Stoffes. Im Gegensatz zu Pountney lässt Regisseurin Caroline Gawn ihre Figuren meist frontal agieren. Insgesamt aber eine amüsante Geschichte, unterhaltsam erzählt.

Wahnsinnige Geschichte

«Skin Deep» ist die sperrigste der drei Opern. Schon die Musik des 1961 geborenen David Sawer wird mit ihrer kaum harmonischen Opulenz und den halsbrecherischen Gesangssoli und -duetten über zweieinhalb Stunden ziemlich anstrengend.

Vor allem aber verlangt die Geschichte eines durchgeknallten Schönheitschirurgen und seiner Patienten auf der Suche nach dem Ewig-Jung-Elixier dem Zuseher verdammt viel guten Willen ab. Den verweigerten viele Gäste in Bregenz, indem sie in der Pause das Haus verließen. Ob die Regie aus dieser wahnwitzigen Geschichte etwas Packendes hätte machen können, ist fraglich. Es drängt sich allerdings der Eindruck auf, Richard Jones hat es gar nicht versucht.

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