Hospiz
Leben mit dem Tod - Tag der offenen Tür in Kempten und Bad Grönenbach

'Leben mit dem Tod' nennt sich die aktuelle Themenwoche der ARD, und auch im Allgäu ist der Umgang mit dem Tod ein Thema. Die Einrichtung des Hospiz hat sich der intensiven Sterbe- und Trauerbegleitung verschrieben, stationär wie ambulant.

Das Kinderhospiz St. Nikolaus Bad Grönenbach bietet am Sonntag, 25. November (10 bis 17 Uhr), einen Tag der offenen Tür, während das Allgäu-Hospiz Kempten am 5. und 19. Dezember (erster und dritter Mittwoch im Monat, 17-19 Uhr) seine Türen für die Öffentlichkeit öffnet. Die folgende Geschichte soll zeigen, wie segensreich Hospizarbeit sein kann.

Der Sohn zündet die Kerze an, die auf dem Esszimmertisch steht. Er macht das immer am Morgen nach dem Aufstehen, wenn er zu Besuch ist bei seinem todkranken Vater. Früher hat er kaum nachgedacht über die Bedeutung einer Kerze. Heute hingegen nimmt er sie als wärmendes Licht war, als Symbol für Zuversicht und positives Denken. Selbst wenn es wegen des Vaters oft dunkel um ihn herum ist.

Der hat ein Pankreaskarzinom. Bauchspeichelkrebs in fortgeschrittenem Stadium. Die Heilungschancen? Gleich null. Der Lebenswille des Vaters? Tendiert ebenfalls gegen null, da er spürt, wie die psychischen Schmerzen nach dem Tod seiner Frau das Karzinom zusätzlich füttern.

Das Essen hat er weitgehend eingestellt. Ein kleiner Teller mit Nudelsuppe zur Mittagszeit, das ist alles, was sein Magen verträgt. Dazu zwei oder drei Gläser Mineralwasser über den Tag verteilt.

Der Vater schläft viel. Auch an diesem Tag wird er nur für kurze Zeit auf sein und in der Küche sitzen. Später dann im 25-Grad-Celsius warmen Wohnzimmer. Die Heizungen laufen auf Hochtouren.

'Ich brauche diese Wärme', sagt der Vater. Sein Körpergewicht hat sich von 75 Kilogramm auf unter 40 reduziert. Die Beine und Arme sind dünn wie ein Wasserschlauch, die Hautfarbe gelb, weil die Galle ihre Arbeit weitgehend eingestellt hat.

Der Tod ist nahe, aber eben noch nicht da. Und: Der Vater hat noch alle Sinne beisammen. So sehr, dass er wieder seinen Wunsch formuliert: 'Ich möchte am liebsten in meiner Wohnung sterben.' Ein Problem, denn der Sohn wohnt viele Kilometer weit entfernt. Er kann nur manchmal kommen.

Der Vater aber benötigt eine intensive Betreuung. Auch nachts, wenn er auf die Toilette muss. Das schafft er alleine nicht mehr. Der Schwindel, verursacht von Medikamenten und dem reduzierten Essen, würde ihm den Boden unter den Füßen wegziehen.

Eine aussichtslose Situation? Nein: Diese Antwort gibt seit Jahren die Hospizbewegung hierzulande. Den Angehörigen und den kranken Menschen mit ihren Wünschen und Bedürfnissen zu helfen – wenn es sein muss auch nachts: Das ist der Hauptgedanke, der die hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeiter dieser Organisation treibt.

Knapp 1300 ambulante Hospiz-Initiativen und 200 stationäre Hospize und Palliativstationen gibt es in Deutschland. Ein Fachverband sorgt für die Qualifizierung von Ehrenamtlichen und Pflegepersonal. In unserer Region haben folgende stationäre Hospizhäuser ihre Türen geöffnet: in Kempten, Lindau (Haus Brög zum Engel) und Wangen (am Engelberg). In Bad Grönenbach gibt es ein Hospiz speziell für todkranke Kinder: St. Nikolaus.

Der Sohn des an Krebs erkrankten Vaters hat Kontakt aufgenommen zum Allgäu Hospiz Kempten. Es ist nicht leicht, kurzfristig einen Platz zu bekommen, weil sich die individuelle und liebevolle Art, mit der die Helfer den Gästen begegnen, herumgesprochen hat. Und doch: Plötzlich wäre eines der acht Zimmer frei gewesen. Weil die Nacht zuvor ein Patient gestorben ist.

Der Flur des Allgäu Hospiz ist hell und nicht so lang wie jener in einem Krankenhaus. Auf der linken Seite hängt ein Vogelkäfig mit zwei Wellensittichen. Gleich daneben kann man sich in bequeme Sessel lümmeln. Es gibt eine Gemeinschaftsküche mit einem langen Esstisch aus Holz und einen Raum, in dem die Gäste entspannen oder ein erholsames Bad nehmen können. 'Der Wellnessbereich', wie Leiterin Susanne Hofmann lächelnd sagt.

Das Haus in Kempten vermittelt eine Atmosphäre der Ruhe. Jenes hohe Tempo, das das Personal eines Krankenhauses gehen muss, um über die Runden zu kommen, und bei dem zwangsläufig Fürsorge zu einem beträchtlichen Teil auf der Strecke bleiben muss, gibt es hier nicht.

Den acht Gästen stehen 19 hauptamtliche und 20 ehrenamtliche Kräfte zur Verfügung. 'Bei uns', sagt Susanne Hofmann, 'bekommt man vor allem die Gelegenheit für lange Gespräche.' Lebensverlängernde Maßnahmen wie Bluttransfusionen oder operative Eingriffe sind nicht vorgesehen.

Die will der Vater auch nicht mehr über sich ergehen lassen. Und dennoch hat er nach seiner Entscheidung für das Hospiz, diese wieder zurückgenommen. 'Nein', signalisierte er plötzlich dem Sohn, 'ich will doch lieber in meiner Wohnung bleiben.'

'Diese Sprunghaftigkeit', sagt Alexander Dreher, 'ist bei todkranken Menschen normal.' Er ist einer von vielen ambulanten und ehrenamtlichen Hospizhelfern, die tagsüber ihrem Beruf nachgehen. Nun kümmert er sich intensiv um den Vater, wenn der Sohn verhindert ist. Er schaut vor allem in den Abendstunden und nachts bei ihm vorbei.

'Ein sehr wichtiges Angebot unserer Bewegung sind Gespräche. Mit Kranken und Angehörigen', sagt Dreher, der während einer Betreuung mit nur wenigen Stunden Schlaf auskommen muss. 'Kein Problem', versichert er, und die Dynamik in der Stimme verrät, dass er ein Mensch ist, der die Ärmel nach oben schieben kann. 'Es ist alles eine Frage der Einteilung.' Und der inneren Einstellung.

Intensive Hilfe für ältere aber auch für ganz junge Menschen, die dem Tod ins Auge blicken: Von diesen Drehers lebt die Hospizbewegung (ambulant wie auch stationär) hierzulande. Sie sind es auch, für die der Sohn dieser Geschichte jeden Morgen, wenn er zu Besuch ist beim Vater, die Kerze auf dem Tisch im Esszimmer anzündet.

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