Oberallgäu
Koordination und Fitness sind oft mangelhaft

Reihenweise können die Kinder nicht mehr rennen, springen und werfen. Viele sind zu dick, wirken träge und unbeweglich. Aber es gibt immer weniger Sportunterricht an den Schulen. Wir fragten Stefan Kienle, Sportlehrer an der Grundschule in Sonthofen-Rieden und dessen Kollegin Edith Ott von der Hauptschule Immenstadt nach der Motivation ihrer Schüler und nach dem Stellenwert ihres Fachs bei den Jugendlichen und den schulpolitischen Gremien.

Wie sportlich sind Ihre Schüler? Wo liegen die meisten Defizite?

Kienle: Meine Schüler sind teilweise sehr sportlich. Vor allem gefällt mir die Motivation der Schüler. Defizite gibt es im Bereich der koordinativen Fähigkeiten wie Gleichgewicht, Orientierung und Rhythmisierung. Auffallend ist zudem, dass immer weniger Kinder Schwimmen können, wenn sie in die Grundschule kommen.

Ott: Die Bandbreite ist groß. Wir haben die totalen Freaks, die einem Leistungskader angehören und die, die sich nicht einmal die zwei Stunden bewegen wollen oder schimpfen, dass es im Haus keinen Aufzug gibt und sie die Treppe benutzen müssen. Die größten Defizite liegen in der Kondition sowie in der Koordination. Und in der Motivation, besonders bei den Mädchen.

Kann Schulsport gegen Übergewicht, mangelnde Koordination und Fitness helfen?

Kienle: Na klar kann der Schulsport da helfen. Ziel sollte allerdings auch sein, die Schüler zu motivieren, das ganze Leben lang Sport zu treiben. Durch Freude an der Bewegung kann man die Schüler zu einem aktiven Lebenswandel motivieren.

Ott: Ja, Schulsport kann sehr gut helfen. Man muss den Schülern nur die Möglichkeiten zum fit werden und fit bleiben aufzeigen. Sie müssen diese Erfahrungen am eigenen Leib machen und spüren. Mein Ziel in den Abschlussklassen ist es, dass die Schülerinnen sagen: Sport hat Spaß gemacht. Ich werde auch weiterhin Sport treiben.

Wie viele Sportstunden in der Woche wären ideal, um die gröbsten Defizite zu beheben?

Kienle: Experten sagen, dass mindestens drei Sportstunden pro Woche nötig sind, damit sich Kondition und Koordination der Schüler gut entwickeln können. Diese Stunden sollten dann aber regelmäßig stattfinden. Bei vier regelmäßigen Sportstunden würden Schüler eine optimale Förderung erfahren, heißt es in einer Studie. In der Praxis zeigen sich aber oft Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Viele Schulen haben beispielsweise lange Wege zu den Sportstätten, was auf Kosten der effektiven Bewegungszeit der Schüler geht. Zudem fallen viele Sportstunden ersatzlos aus.

Ott: Ideal wären vier bis sechs Stunden. Aber das lässt sich leider nicht verwirklichen. Wir an der Hauptschule Immenstadt haben außerdem das Problem, dass viel Zeit der Sportstunden schon auf dem Weg liegen bleibt, weil wir von der Schule ins Sportzentrum bzw. in die Berufsschulhalle gehen müssen, da bleibt nicht mehr so viel Zeit in der Halle übrig.

Politiker fordern schon seit Jahren die tägliche Sportstunde. Ist dies realistisch und wie könnte man das an der Schule organisieren?

Kienle: Realistisch ist diese Forderung durchaus. Vor allem sollte dies nicht nur eine Forderung bleiben, sondern auch umgesetzt werden.

Es gibt hierzu ja auch schon gute Ideen vom Kultusministerium, wie zum Beispiel das für die Grundschulen 2008 eingeführte Bewegungs- und Ernährungsprojekt: Voll in Form. Dieses Projekt sollte unter anderem garantieren, dass sich die Kinder pro Schultag mindestens 20 Minuten sportlich bewegen. Vom Ministerium wurde hier aber keine zusätzliche Unterrichtszeit zur Verfügung gestellt. Wenn man die Stofffülle des Lehrplans betrachtet, erkennt man, dass die Umsetzung sehr schwierig ist, da die 20 Minuten vom normalen Unterricht abgezogen werden. Solche Ideen müssten noch klarer umgesetzt werden. Das bedeutet mehr Unterrichtszeit und somit mehr finanzielle Mittel vom Staat. Außerdem müsste in die Ausbildung der Sportlehrer investiert werden.

Ott: Das wäre traumhaft. Aber das haben die Politiker nicht richtig durchdacht. Auf dem Papier klingt die Forderung gut, aber die Realität sieht anders aus wie bereits in der vorhergehenden Antwort geschildert.

Dass Sport gesund ist, weiß jeder. Warum gibt es nicht mehr Schulsport in Bayern? Hat der Schulsport überhaupt eine Lobby?

Kienle: Sport war schon immer eines der Fächer, an dem zuerst gespart wurde. Diese Tendenz ist immer noch zu erkennen. Die Lobby müssten die Eltern der Schüler sein.

Ott: Schulsport hat keine Lobby. Da hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert. Das Fach müsste aufgewertet werden. Denn es gehört in die Hände von qualifizierten, gut ausgebildeten Sportlehrern. Sport darf ja von fast allen Lehrkräften unterrichtet werden. Auch von jenen, die Sport nicht studiert haben und sich in einem Zwei-Wochen-Kurs nachqualifizieren. Leider haben auch die Krankenkassen noch nicht erkannt, wie wichtig das Vorbeugen ist. Sie zahlen lieber die Folgekosten anstatt Aktionen mit den Schulen zu machen.

Welche Möglichkeiten haben Sie als Sportlehrer, Funsport wie Klettern, Inline-Skaten oder Slackline im Unterricht anzubieten?

Kienle: Funsportarten lassen sich grundsätzlich gut im Sportunterricht anbieten. Man benötigt als Lehrer allerdings das entsprechende Wissen, wie man diese Sportarten den Kindern vermitteln kann und man sollte sie selbst beherrschen. Aber das ist ja gerade die schöne Herausforderung am Fach Sport.

Ott: Leider verbietet die Landesstelle für Schulsport einige tolle Sachen wie Slackline aus Sicherheitsgründen. Für alle anderen Sachen gilt: Schnuppern ist möglich. Aber wenn man einen Kurs anbietet, braucht mal als Lehrer einen Schein. Um den zu bekommen, bedarf es sehr viel Geduld. Kletterkurse sind zum Beispiel fast immer überfüllt.

Werden diese Sportarten von den Schülern angenommen? Oder gilt das Motto: Null Bock auf Bewegung?

Kienle: Im Sportunterricht der Grundschule lassen sich die Schüler mit diesen Sportarten toll motivieren. Aber es sind auch ganz einfache Sportspiele, die die Kinder ansprechen. Es muss nicht immer Funsport geboten sein. Die Abwechslung der verschiedenen Sportarten bereichert und motiviert die Kinder am meisten.

Ott: Sie werden als Schnupperangebote angenommen. Aber das Durchhaltevermögen für einen ganzen Kurs über ein halbes Jahr fehlt bei den meisten Schülern.

Immer mehr Schulen bieten Ganztagesunterricht an. Welche Rolle spielt der Schulsport bei solchen Angeboten?

Kienle: Wenn die Halle oder im Sommer das Freigelände zur Verfügung steht, werden auch Sportstunden angeboten. Es gibt auch Schulen in unserem Landkreis, die mit einem Sportverband kooperieren, wie beispielsweise dem Deutschen Golfverband. So wurde das Fach Golf verpflichtend in den Stundenplan der Ganztagesklasse aufgenommen.

Ott: Bewegung ist ein guter Ausgleich zum sitzenden Lernen. Möglichkeiten gibt es viele. Aber auch hier zeigt sich, dass die wenigsten Mädchen und Buben durchhalten.

Müssen wir uns damit abfinden, dass Kinder immer unbeweglicher und übergewichtiger werden und zunehmend an Diabetes erkranken?

Kienle: Ich glaube nicht, dass wir uns damit abfinden müssen. Es gibt auch viele Kinder, die nicht in diese Kategorie fallen. Aber die Schere in der Leistungsfähigkeit zwischen sportlich fitten und unsportlichen Kindern wird größer. Die gesellschaftliche Herausforderung besteht darin, diese Schere nicht größer werden zu lassen und den Kindern die Freude an der Bewegung zu vermitteln.

Ott: Diabetes und Übergewicht sind Krankheiten aufgrund von Mangel an Bewegung. Sie werden zunehmen.

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