Kempten
Komplexe Bilder, schwierige Musik

«Empfänger verzogen» heißt der anspielungsreiche wie witzige Titel des «tanztheatralischen Kammerspiels» von Jochen Heckmann, der damit seine Tanz-Trilogie für das Theater in Kempten (TiK) vollendet hat. Wenn in «Cumulus Currendus» die Paare sich in einem neuen Raum einrichteten, in «Die Wohnsinnigen» das Paar selbst in diesem Raum ins Zentrum gerückt wurde, so dient das Paar in «Empfänger verzogen» nun als Vermittler eines umfassenderen Diskurses über Wahrnehmung und Realität. Das tänzerische und musikalische Team dieser achten Uraufführung des TiK macht die Interpretation von Kunst selbst zum Thema.

Das verlangt dem Publikum, das die Bühne zu zwei Seiten begrenzt, einiges ab. Es ist vier Tänzern in intimster Nähe, vier Musikern, die Kompositionen Neuer Musik von Alfred Huber und Wolfgang W. Lindner in der Besetzung Marimba, Perkussion, Klarinette und Saxophon spielen und sich selbst ausgesetzt. Der Raum in der Mitte gehört den Tänzern und vier verstellbaren Elementen in U-Form - die einzigen Requisiten, derer sich die Tänzer bedienen und mit denen sie sich immer neue Räume und Situationen schaffen. Sie verkriechen sich darunter in Embryonalstellung, sie stapeln sie übereinander, sie benutzen sie als Rednerpulte. Am Anfang setzt sich das Paar (Jochen Heckmann und Adriana Mortelliti) 3-D-Brillen auf und schaut ins Publikum.

Wer ist jetzt Betrachter und wer Betrachteter? Am Schluss erfolgt der Perspektivenwechsel: ein Teil des Publikums wird interaktiv in die Inszenierung einbezogen und bekommt ebenfalls 3-D-Brillen aufgesetzt. Die einzelnen Tanzsequenzen sind so fragmentarisch wie die Wahrnehmung unserer Wirklichkeit. Glaubt man gerade in die Geschichte einzusteigen und dem Paar zuzuschauen, wie es gestische Rituale spinnt, verändert einer der beiden nur ein Detail dieser Geste oder versetzt nur ein Bühnenelement und schon befinden beide sich in einer neuen Situation. Schon entziehen sich die Assoziationen des Betrachters einer Bedeutungszuschreibung.

Fragmentarische Bildsprache

Doch nicht nur die Bildsprache, auch die Musiksprache ist fragmentarisch, hochkomplex und zeichnet sich durch Zitate und deren Brechung aus. Für deren Umsetzung sind vier hervorragende Musiker verantwortlich: Andreas Schablas (Klarinette), Florian Längle (Marimba), Michael Juen (Perkussion) und Alexej Khrushchov (Saxofon).

Das emotionale Erfassen als Teil eines Wahrnehmungsprozesses kam auf Kosten des abstrakt-intellektuellen Diskurses etwas zu kurz. Das Publikum blieb emotional außen vor. Erst der zweite Teil, in der noch ein weiteres Paar (Corneliu Ganea und Beatrix Koller) hinzukommt, erscheint zugänglicher. Vielleicht lag es an der Musik von Wolfgang W. Lindner, dessen Komposition die emotionalere, impulsivere, ausladendere und dramatischere ist.

Oder lag es daran, dass man sich eingehört hat? Sowohl Seh- als auch Hörgewohnheiten wurden in diesem spannenden Projekt bewusst nicht befriedigt, sondern infrage gestellt. Bestes Theater also. Dafür gab es Bravos und viel Applaus in einem ausverkauften Theater-Oben.

Weitere Aufführungen am 24. Oktober (19 Uhr), 25. Oktober (16 Uhr), 6. November (20 Uhr), 7. November (19 Uhr) und 26. November (20 Uhr). Karten bei unserer Zeitung, 0831/206-222.

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