Lesung
Kommissar in Nöten

Wie ein Professor wirkt der in Jeanshose und Jeansjacke auftretende Michael Kobr nicht, als er ohne die erkrankte «bessere Hälfte» Volker Klüpfel die Bühne des Stadttheaters in Kempten betritt, um ein literaturwissenschaftliches Seminar zum Thema «Bescht of Klufti» anzukündigen. Gleich versetzt der eine Teil des erfolgreichen Krimiautoren-Duos Klüpfel/Kobr das Publikum mit der Mitteilung in Heiterkeit, dass der Partner in ärztlicher Behandlung sei. Aber nicht bei Dr. Langhammer! Außerdem wolle er, Kobr, aus der Not eine Tugend machen. «Jetzt kann ich endlich mal die Wahrheit sagen, aber Sie müssen dichthalten.»

Da Seminare «objektiven Kriterien genügen und heutzutage a bisserl interaktiv sein müssen» reißt er mühsam und schimpfend («Mei, isch des a Glump») eine Tüte mit Buchstaben-Plätzchen auf. Das «S» (wie Schenken) führt zur ersten Lesepassage aus «Seegrund».

Es ist eine jener Szenen, welche die Krimis von Klüpfel und Kobr rund um den kauzigen Kommissar Kluftinger so beliebt machen. Als einziger Kunde inmitten von Büstenhaltern, Strumpfhosen und Tangas was Praktisches für seine Erika suchend, stürzt Kluftinger im Beratungsgespräch mit einer Verkäuferin von einer Verlegenheit in die andere. Zum Beispiel, als ihm die Frau «seltsam wissend» Satin empfiehlt. Das trage sich im Sommer schön kühl und rege die Fantasie an. Rasch wechselt der arme Kerl das Thema, «da Gespräche über das, worauf die Verkäuferin anspielte, bislang nie das Kluftingersche Schlafzimmer verlassen hatten.»

Als die Verkäuferin den Kommissar vor die Entscheidung «Tanga, Rio oder Hipslip?» stellt und er rot wird, weil ihm nur «Tanga» begrifflich bekannt ist, erzeugt der mit großem Einfühlungsvermögen lesende Realschullehrer Gefühle des Mitleids mit dem überforderten Kommissar. Die Zuschauer im vollen Stadttheater haben ihre helle Freude daran.

Nicht ernst gemeinter Rat

Beim Buchstaben B («wie Baum») liest Kobr eine Passage, die im bayerischen-württembergischen Grenzgebiet bei Leutkirch spielt. Klufti holt sich dort, wo Fuchs und Hase sich «gute Nacht» sagen, einen Weihnachtsbaum aus dem verschneiten nächtlichen Winterwald. Bayerische und württembergische Wildtiere, die sich dort begegnen, würden sich trotz verschiedener Mentalitäten besser verstehen als die Menschen

Am Schluss gibt Kobr noch einen nicht ganz ernst gemeinten Rat mit auf den Heimweg. «Mir ist wichtig, dass Sie vom heutigen Abend was aufnehmen, nicht materiell, sondern ideell gemeint», sagt er. «Nehmen Sie ein gutes Buch mit ins Bett. Oder einen, der gerade eins geschrieben hat.» (hh)

 

Unterhielt das Publikum mit Kluftinger-Szenen: Michael Kobr. Foto: Ralf Lienert

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