Standpunkt
Kommentar von AZ-Redaktionsleiter Uli Hagemeier: Es gibt kein Schweigekartell

Was bleibt von den Ereignissen der Kölner Silvesternacht im kollektiven Gedächtnis? Es ist die Wut über das widerwärtige Handeln junger Männer. Es ist der Ärger über irreführende Aussagen eines Polizeichefs. Und es ist die Behauptung, Politik, Polizei und Medien hätten ein 'Schweigekartell' gebildet, um Asylbewerber zu schützen. Bei den beiden ersten Punkten teile ich den Ärger, der dritte bereitet mir Sorge. Denn es gibt kein 'Schweigekartell'.

Als Verantwortlicher für die Redaktion der Allgäuer Zeitung wurde ich nie gebeten, mich einem solchen Bund anzuschließen, ich fühle mich auch ethisch oder moralisch nicht verpflichtet, Fakten zurückzuhalten. Fakten helfen, um zu verstehen, was passiert. Dazu gehört, dass es bei uns die Medien nicht gibt, genauso wenig wie die Deutschen oder die Ausländer.

Wir haben zum Glück ein reichhaltiges Medienangebot. Dazu gehören drei Kölner Lokalzeitungen und ein Radiosender, die schon an Neujahr über die Ereignisse berichteten. Zu diesem Zeitpunkt war es schwierig, Fakten zu sammeln, die Polizei log von einer 'friedlichen Nacht'. Es waren 'Medien', die diese Übergriffe öffentlich gemacht haben – zu einem Zeitpunkt, als das schnell empörte digitale Kommentariat auf Facebook noch ruhte. Das widerlegt die Existenz eines 'Schweigekartells'.

Allerdings haben Journalisten auch Fehler gemacht. Unsere Zeitung hat das Thema einen Tag zu spät und dann nicht auf Seite eins aufgegriffen. Offenbar waren wir zu sehr auf die Terrorwarnung an Silvester in München fokussiert – eine Entschuldigung ist das jedoch nicht.

Redakteure von zwei Seiten unter Druck

Wir Redakteure sind von zwei Seiten unter Druck: Die eine wirft uns vor, Ressentiments zu schüren und rechte Hetzer zu bedienen. Die andere beschuldigt uns, negative Seiten der Einwanderung zu verschweigen. Wir sitzen zwischen den Stühlen. Aber genau da, und nur da, sitzen wir richtig. Wir veröffentlichen keine wohlfeile Gesinnungsethik und auch keine Gerüchte, sondern Fakten, damit unsere Leser sich eine eigene Meinung bilden können. Es ist gut, dass Leser unsere Arbeit kritisch begleiten, denn auch wir machen Fehler. Wer aber von 'Systempresse' und 'Gleichschaltung' redet, schwätzt Kampfbegriffe diktatorischer Regime nach, in denen die Meinungsfreiheit nicht einmal auf dem Papier gegeben war.

Redakteure unserer Zeitung haben berichtet, wenn Asylbewerber straffällig wurden. Da gab es beispielsweise die Vergewaltigung eines Mannes in Memmingen. Und einen Flüchtling, . Wir halten diese Berichte für wichtig, denn wenn der Eindruck entsteht, Politiker, Behörden und Journalisten hielten Fakten zurück, entsteht ein Klima des Misstrauens, in dem Integration nie funktioniert. Wir werden selbstverständlich weiter über solche Taten schreiben, wenn sie belegt sind.

Wir werden aber auch Gerüchte widerlegen, , wo eine Frau behauptet hatte, von einem Asylbewerber vergewaltigt worden zu sein. Auf Facebook wurde diese Lüge schnell zur Wahrheit – für diejenigen, denen Gerüchte wichtiger sind als Fakten.

Podcast

Ein Gespräch zwischen Online-Redakteur Holger Mock und Redaktionsleiter Uli Hagemeier zu diesem Thema können Sie auch in unserem Podcast "Köln und der Umgang der Medien damit" nachhören.

Autor:

Ulrich Hagemeier aus Kempten

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

Folgen Sie diesem Profil als Erste/r

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by Gogol Publishing 2002-2019