Memmingen
«Kirchensteuer liegt vielen schwer im Magen»

Die Zahl der Kirchenaustritte ist in Memmingen 2008 stark gestiegen. So kehrten im vergangenen Jahr 235 Menschen der Amtskirche den Rücken. 2007 waren es noch 160 (siehe Grafik). «Die Gründe für einen Kirchenaustritt sind unterschiedlich», sagt der evangelische Dekan Kurt Kräß und nennt als Beispiele Kirchensteuer, Unzufriedenheit, Desinteresse und die Kirchenpolitik.

«Der Anstieg hat möglicherweise mit Reaktionen auf besondere Ereignisse in den Kirchen zu tun», sagt die Memminger Standesamtsleiterin Barbara Sternath. So hätten Bürger beispielsweise die Vorkommnisse um den Holocaust-Leugner Richard Williamson als Grund für ihren Austritt genannt. Ebenso den Ausschluss eines neunjährigen Mädchens und deren Mutter aus der Kirche. Das Kind war vergewaltigt worden und hatte daraufhin eine Abtreibung.

Aber auch finanzielle Motive spielten eine Rolle. Allgemein könne man über die Gründe aber nur spekulieren, so Sternath. Wer aus der Kirche austreten will, muss dies vor einem Standesbeamten erklären und ein Austrittsformular ausfüllen. Die Bearbeitung kostet 31 Euro. Die Gründe interessieren im Rathaus nicht. Anders ist es in den Pfarrhäusern.

Wer in den Memminger Dekanaten aus der Kirche austritt, bekommt Post vom Pfarrer. «Wir bieten den Menschen ein Gespräch an, in dem sie uns ihre Beweggründe nennen können», sagt Kräß. Aber die wenigsten würden dieses Angebot annehmen. Etwa 9600 evangelische Christen leben derzeit in Memmingen. «Wir haben jedes Jahr Austritte, aber auch Eintritte», betont Kräß. Von 2002 bis 2007 traten jährlich etwa 50 bis 60 Personen aus. «Im vergangenen Jahr waren es 80», so Kräß.

Er habe festgestellt, dass in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Austrittszahlen nach oben gingen. Dennoch liege die Austrittsquote immer noch unter einem Prozent. «Jeder Austritt tut mir leid, aber wir respektieren die Entscheidung», so Kräß.

Er würde gerne mit jedem Einzelgespräche führen, um die Gründe zu erfahren. Im Übrigen verzeichnet Kräß auch etwa 20 Kircheneintritte pro Jahr.

Auch der katholische Dekan Siegbert G. Schindele betont: «Es wäre schön, wenn uns Menschen vor ihrem Austritt die Chance geben würden, mit ihnen zu sprechen.» Dann könne man den einen oder anderen vielleicht noch umstimmen. Indes besucht er jeden, der das Austrittsformular ausgefüllt hat - allerdings ohne Erfolg. «Niemand wollte über die Austritts-Gründe sprechen.»

In der Stadtpfarrei St. Josef mit 7000 Katholiken kehren jährlich etwa 25 bis 30 Bürger der Amtskirche den Rücken. In den anderen katholischen Pfarreien in Memmingen sieht das ähnlich aus, so Schindele. Insgesamt leben etwa 18000 Katholiken in Memmingen.

«Den meisten liegt wohl die Kirchensteuer im Magen», vermutet der Dekan. Erfreulich sei deshalb, dass etwa fünf Gläubige jährlich den Weg zurück in die Kirche finden.

In diesem Jahr sind laut dem Standesamt bislang 111 Personen in Memmingen aus der Kirche ausgetreten.

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