Memmingen / Kaufbeuren
«Kinder nicht nach sozialer Herkunft aufteilen»

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Ihren Urlaub verbringt die Berlinerin Petra Pau, Spitzenpolitikerin der Linken und stellvertretende Bundestagspräsidentin, gern im Allgäu - so wie auch zurzeit. Einen Tag davon opferte sie aber für den Bundestagswahlkampf. Sie diskutierte als Gast unserer Redaktion mit fünf geladenen Akteuren aus dem hiesigen Bildungsbereich über das Thema Pädagogik.

Wie es zu erwarten war, machte Pau (45), die früher Lehrerin für Deutsch und Kunst in der DDR gewesen ist, Werbung für die Gemeinschaftsschule - die alle Kinder bis zur achten Klasse besuchen. So, wie es die rot-rote Berliner Regierung bereits eingeführt hat. «Es geht nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um soziales Lernen.» Schule dürfe nicht nach sozialer Herkunft aufteilen. Das werde mit einer Gemeinschaftsschule vermieden. «In Bayern gibt es zwar eine große Vielfalt der Schulen, allerdings gepaart mit Ausgrenzung», pflichtete ihr der Kaufbeurer Paul Meichelböck, Bundestagsdirektkandidat der Linken, bei. Fast einstimmig war denn aber auch das Echo der Experten auf diese Philosophie.

«Die Jugendarbeitslosigkeit in Finnland beträgt 15 Prozent», betonte Julia Jacob, stellvertretende Vorsitzende des Realschullehrerverbandes, damit auf die viel gelobten finnischen Schulen anspielend. «In Bayern haben wir 2,9 Prozent Jugendarbeitslosigkeit - wir liegen mit unserem System hier wohl nicht so falsch.» Das bayerische Schulsystem sei sehr vielfältig - was zu seinem Erfolg beitrage.

Rolf-Dieter Pohl, Leiter des Kaufbeurer Marien-Gymnasiums, ergänzte: «Um begabte Schüler zu fördern, muss man differenzieren.» Er habe lange in Moskau gewohnt, dort die Gemeinschaftsschule durchaus miterlebt und nun den klaren Vergleich: «Die Gemeinschaftsschule ist bis zu einem Jahr hintendran.»

Auch der Elternsprecher der Kaufbeurer Grund- und Hauptschulen, Stefan Waworka, sprach sich gegen Gemeinschaftsschulen aus: «Menschen sind individuell, man kann daher nicht vereinheitlichen.» Schwester Regina Winter, Oberin des Kaufbeurer Crescentiaklosters (dies ist Träger des Internates St. Maria, das den Marienschulen angegliedert ist) verwies auf die unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten von Menschen, «weshalb wir auch unterschiedliche Schulen brauchen». Lediglich Stefan Kohl, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft GEW für Memmingen und das Unterallgäu, schloss sich Pau an: «Studien zeigen, dass gemeinsames Lernen sogar bis zur neunten oder zehnten Klasse bessere Ergebnisse bringt.»

Pau, die in Medien teils mit wenig schmeichelhaften Attributen wie «Stalinistin» oder «ostrotzlöffelmäßiges, rotes Rumpelstilzchen» tituliert wurde, gab sich im Gespräch offen und umgänglich: «Wir sind überhaupt nicht gegen Vielfalt, diese spricht aber auch nicht gegen längeres gemeinsames Lernen.» Und - im Gegensatz zum Parteiprogramm der bayerischen Linken - hat sie auch nichts gegen Privatschulen. «Ausgerechnet private Träger haben sich bei uns in Berlin als erste für das neue Gemeinschaftsschulkonzept beworben.» Sie stelle auch keineswegs in Abrede, dass «an bayerischen Schulen gute Arbeit gemacht wird». Aber jedes Kind soll seine Fähigkeiten entdecken können. Schulen bräuchten dafür eine entsprechende Ausstattung, besondere Musik- und Sportangebote und müssten Ganztagsschulen sein.

Dies müsse auch für Hauptschüler gelten, die nach ihrer Lesart dann in der Gemeinschaftsschule gut aufgehoben wären. Auch der Druck, der auf Eltern und Kindern in den dritten und vierten Klassen laste, um den Übertritt in eine weiterführende Schule zu erreichen, werde mit einer Gemeinschaftsschule vermieden, ist Pau überzeugt.

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