Kemptener Tanzherbst
Kemptener Tanzherbst: Das Leben ndash ein einziger Kampf

Wohlfühl-Tanztheater geht anders. Das, was die internationale Company 'Kidd Pivot Frankfurt RM' auf die Bühne des Kemptener Stadttheaters brachte, war höchst beklemmend.

Verrat, Gewalt, Vergewaltigung, Mord – so ziemlich alle bösen Leidenschaften des Menschen thematisiert die hochgelobte Truppe um die kanadische Choreografin Crystal Pite in ihrem nagelneuen Stück, das erst vor wenigen Tagen den Namen "The Tempest Replica" erhielt.

Pite greift darin auf Motive von Shakespeares letztem Drama 'The Tempest' (Der Sturm) auf. Allerdings auf ganz eigene Weise. Sie erzählt nicht einfach die düstere mittelalterliche Geschichte um den Zauberer und ehemaligen Herzog Prospero, seine Tochter und all jenen, die König sind oder König werden wollen, nach. Vielmehr 'rekonstruiert' sie die Handlung, indem sie Teile und Motive zu einem neuen Stück fügt.

Vielleicht wäre 'Spiel' das bessere Wort für diese Inszenierung. Pite pendelt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, lässt gesichtslose Kopien (Replicas) und Originale auftreten. Was genau da verhandelt wird, erschließt sich in Pites komplexer Erzählung nur schwer. Welche Absichten und Gefühle die Figuren besitzen, ist allerdings offensichtlich.

Es wird viel gegängelt, gelitten, geflohen, gefangen, gequält. Das Leben – ein einziger Kampf. Selten ist Tanztheater so beklemmend, dringt so tief ein in die Nervenbahnen der Zuschauer.

Zu verdanken ist das – natürlich – vor allem den sieben Tänzerinnen und Tänzern. Erst nach und nach spielen sie ihre ganze Virtuosität aus. Wenn sie sich als gepeinigte Kreaturen über die Bühne winden oder verzweifelt miteinander ringen, geht das gnadenlos unter die Haut. Die minimalistische Musik von Owen Belton mit bedrohlichen Klängen verstärkt dieses Gefühl. Raffinierte Videoprojektionen und ein gewitztes Bühnenbild geben dem Ganzen einen gediegenen formalen Rahmen.

Doch alles ist dann doch nicht dunkel-bedrohlich. Crystal Pite würzt ihre Story auch mit leisem Humor und feiner Ironie. Das Böse triumphiert nicht auf der ganzen Linie. Und auch rührende Liebe darf sich am Ende entfalten. Selten hat man einen derart ergreifenden Paar-Tanz gesehen. Zurecht gab es im fast vollen Stadttheater riesigen Applaus und viele Bravo-Ruf.

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen