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Special Prozesse im Allgäu SPECIAL

Betrug
Kemptener Kirchenmusiker (67) mit 32 Vorstrafen geht regelmäßig als „privater Notfall-Patient“ ins Krankenhaus

Symbolbild.
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Wieder einmal ist ein Serienbetrüger, der sich in Krankenhäusern gern als Privatpatient mit falschem Doktor-Titel oder auch als Professor aufnehmen lässt, verurteilt worden: Diesmal zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten. Es ist der 33. Eintrag in seinem Strafregister, mit Verhandlungen quer durch die Republik bis zum „Tribunal de Grande Instance“ in Paris. Tatorte im neuen Fall waren das Juliusspital in Würzburg und die Helios Klinik in Bad Kissingen.

„Wie kann ein Mann, Orgelbauer mit abgeschlossenem Studium der Kirchenmusik, so abstürzten?“, fragte der Vorsitzende des Schöffengerichts in Würzburg, Thomas Behl, den 67-Jährigen aus Kempten und der meinte, das wüsste er auch gern. In früheren Prozessen hat er den Unfalltod seiner beiden Kinder dafür verantwortlich gemacht. Bei anderer Gelegenheit behauptete er, es habe ihn völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, als er erfuhr, dass sein Vater katholischer Priester war und im Erzbistum Bamberg Moraltheologie lehrte.

Der Patient bucht gern ohne Geld Chefarzt und Einzelzimmer

Seit Jahren ist der Mann, wenn er nicht hinter Gittern sitzt, unterwegs, im In- und Ausland, aus beruflichem Interesse: Um sich bekannte Orgeln anzuschauen und anzuhören, sagte er. Seine Herzprobleme beschäftigen Krankenhausärzte und Kriminalbeamte im Doppelpack: Weil der Orgelbauer, wenn er zu Fuß mit Beschwerden in eine Notaufnahme kommt oder mit Blaulicht gebracht wird, immer angibt, dass er Privatpatient sei. Da bucht er dann – obwohl nur gesetzlich krankenversichert bei der AOK Nordschwarzwald - Behandlung durch den Chefarzt, wenn möglich Einzelzimmer und was sonst noch an angenehmen Zusatzleistungen im Krankenhaus angeboten wird.

Meist verlässt er bereits am dritten Tag die Klinik, ohne sich zu verabschieden. Die offenen Rechnungen liegen zwischen zwei- und viertausend Euro und häufig schon hat der Patient sich während des kurzen Krankenhausaufenthalts von Mitpatienten kleine Darlehen geben lassen. Zur Sicherheit erhielten die hilfsbereiten Zimmernachbarn seine Adresse, obwohl er inzwischen ohne festen Wohnsitz ist, meist war es die Anschrift einer Justizvollzugsanstalt, in der er bereits einmal einsaß. „Stuttgart Stammheim“ zum Beispiel.

An gewissen gesundheitlichen Problemen hatte das Gericht keine Zweifel, die sind in Krankenhäusern recht unterschiedlich beurteilt worden: Von “instabiler Angina pectoris“ über „multiple Koronarinterventionen“ bis zu „nicht verifizierbarem Verdacht auf Herzinfarkt“ Die Klinikberichte an den Hausarzt konnten allerdings stets nicht zugestellt werden, da die angegebenen Daten falsch waren.

Neue Anklagen und offene Arzt-Rechnungen

In Bad Kissingen war eine Krankenhausseelsorgerin der Anlass für die vorzeitige Abreise des Patienten: Er hatte sie um Geld für die Heimfahrt anpumpen wollen, allerdings wusste die bereits, dass er vorher bei einer Patientin schon 50 Euro „geschnorrt“ hatte, auch für die Heimfahrt. Angeblich sei ihm, als er in Bad Kissingen wegen Unwohlseins den Zug verließ, zusammenbrach und als Notfall in die Klinik befördert wurde, Geldbeutel und Scheckkarte abhanden gekommen. Die Geschichte von Mitmenschen, die sogar einen Notfallpatienten beklauen, erzählte er auch in anderen Krankenhäusern immer wieder mit Erfolg. In Würzburg will er ebenfalls, nachdem er sich die Orgel im Dom angeschaut und auch angehört hatte, nach einem Gespräch mit dem Organisten auf dem Domvorplatz zum Notfall geworden sein.

Nicht nur in Krankenhäusern sind noch zahlreiche Rechnungen offen, auch bei der Justiz. Es liegen bereits neue Anklagen aus Halle, Trier und Hanau vor. Bei der Briefzensur des Angeklagten habe er, so der Richter, inzwischen ein weiteres Dutzend unbezahlter Krankenhausrechnungen gesehen. Die zahlt der Angeklagte, so versichere er, der Reihe nach zurück, von seiner Rente, 1.100 Euro im Monat, die derzeit auf sein Knast-Konto überwiesen werde. Das hatte vor einiger Zeit, so sein Anwalt, einen Stand von knapp über 3.100 Euro.

Wenn‘s stimmt, wär‘s schön, sagte der Richter. Weil dem Angeklagten eine Bewährungsstrafe, die er gern gehabt hätte, verweigert wurde, geht er in die nächste Instanz.

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