Abzug
Kemptener Kaserne wird geschlossen - Soldaten erfuhren es beim Appell

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Es dauert nicht mehr als ein paar Minuten. Ein paar Minuten, in denen Oberstleutnant Kurt Rasch den Tagesbefehl des Verteidigungsministers verliest und so die Gerüchte der vergangenen Stunden in eindeutige Worte fasst: Kempten, einer der ältesten Militärstandorte Bayerns, verliert die Bundeswehr. 

Das Gebirgssanitätsregiment 42 wird aufgelöst, Kreiswehrersatzamt und Fachsanitätszentrum im Haubensteigweg ereilt dasselbe Schicksal. Nach Umsetzung der Reform, verliest Rasch stellvertretend für den Kommandeur, wird Kempten nicht mehr als Bundeswehrstandort geführt.

Die, denen diese Worte gelten, stehen regungslos auf dem viereckigen Asphaltplatz mitten auf dem Kasernengelände. Kaum mehr als 100 Männer und Frauen in Uniform sind es bei diesem Regimentsappell am Schicksaltag für den Kemptener Bundeswehrstandort.

Viele hundert Planstellen gibt es in Kempten – seit Aussetzen der Wehrpflicht allerdings ist die Zahl der Soldaten bereits drastisch geschrumpft, so heißt es. Viele von denen, die nun noch da sind, befinden sich gerade bei Schießübungen und auf Lehrgängen.

'Es fällt mir schwer, mich vor Sie hinzustellen.' Mit diesen Worten leitet Rasch seine Ansprache ein. Das vorbereitete Rednerpult und das Mikrofon lässt er stehen, tritt stattdessen näher zu den Soldaten, lässt sie ihrerseits ein Stück herankommen.

Von den Bäumen ringsum ist trockenes Laub auf den Platz geweht worden. Dazu fallen in der frösteligen Herbstluft Worte wie 'schwere Stunde' oder 'Auswirkungen auf Sie und Ihre Familien'. Dann tritt Oberbürgermeister Dr. Ulrich Netzer vor – 'weil es mir ein Bedürfnis ist, an diesem Tag zu Ihnen zu kommen', sagt er und spricht vom 'Ende einer Tradition und eines hervorragenden Miteinanders'.

Zeitplan ungewiss

Wann das Ende genau kommen wird, das weiß freilich niemand. Kein Wort steht dazu in den offiziellen Verlautbarungen des Verteidigungsministeriums. Nur der Hinweis, dass die gesamte Reform bis 2015 oder 2017 umgesetzt sein soll.

Wie lange noch? Vielleicht noch ein oder zwei Jahre, glaubt man Schätzungen von Bundeswehrangehörigen. Interessenten für das Grundstück mit attraktiver Lage an Autobahn und Bundesstraße soll es geben – schon vor Jahren war in diesem Zusammenhang ein großes Möbelhaus genannt worden.

Bei dem Appell, der gewissermaßen den Zapfenstreich einläutet für die Bundeswehr in Kempten, ist das Thema Nachnutzung Zukunftsmusik. Für die Soldaten geht es ums Hier und Heute. Um den Neuanfang in Dornstadt bei Ulm. Dorthin sollen die Kemptener Sanitäter versetzt werden – wegen der besseren Zusammenarbeit mit dem Bundeswehrkrankenhaus in Ulm.

Der Abzug der Truppe – auch andere werden ihn schnell zu spüren bekommen. Geschäfte und Gastronomie an der Kaufbeurer Straße zum Beispiel, wo die Soldaten Kunden sind. 'Gerade unter der Woche', heißt es im 'Videoland', werde man das Aus für die Bundeswehr merken. Gleiches erzählt Jürgen Rettich von der Pilsbar 'Schilderhäusle' – wenngleich das Rauchverbot 'noch schlimmer war'.

16.15 Uhr auf dem Kasernengelände. 'Köpfe nicht hängen lassen', sagt Oberstleutnant Rasch. Dann ist der Appell beendet. Augenblicke später ist der Platz wie leer gefegt.

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