Unruhen
Kemptener erlebt Tage des Umsturzes in Kairo - Stadt wohlbehalten verlassen

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Es waren bange Tage für Ingrid Sadek (69). Telefonisch kein Durchkommen - und zeitgleich immer dramatischere Bilder aus der ägyptischen Hauptstadt im Fernsehen. Dann endlich das erlösende Gespräch: Ihrem Mann Hassan, der derzeit seine Heimat Ägypten besucht, geht es gut. Per Bus hat er Kairo verlassen und ist wohlbehalten im 120 Kilometer entfernten Mansura bei seiner Familie eingetroffen. Dort will er vorerst bleiben. Anders als der Altusrieder Richard Mleschnitza (29), der Kairo am Montagabend zusammen mit seiner Frau Ellen Hals über Kopf verließ - über das Ehepaar berichten wir in der morgigen Ausgabe.

Der 71-jährige Hassan Sadek ist einer von wenigen Ägyptern in und um Kempten. Der zweite Vorsitzende des Vereins Internationale Begegnung, zu dem das Haus International gehört, war am 10. Januar nach Kairo aufgebrochen. So wie jedes Jahr um diese Zeit - «normalerweise komme ich nach und wir genießen zusammen den Frühling», erzählt seine Frau Ingrid. Dass nun alles anders kommen sollte, das habe vor drei Wochen noch keiner geahnt. Dabei, so sagt die 69-Jährige, habe ihr Mann schon so lange auf eine Veränderung in Ägypten gehofft. «Er liebt seine Heimat - und ebenso sehr sieht er ihre Fehler», meint Ingrid Sadek. Korruption, keine Perspektive für die jungen Ägypter, eine immer größere Kluft zwischen Superreich und Bettelarm - das alles kritisiere er seit Jahren.

Als 19-jähriger Student war Sadek in den 60er Jahren zum ersten Mal nach Kempten gekommen. Und hatte sich gleich verliebt in die damals gerade erst 18-jährige Ingrid. Immer wieder, so erinnert sich die heute 69-Jährige, sei er in den Semesterferien zurückgekommen - und irgendwann fuhr sie mit ins Land am Nil. Inzwischen sind die beiden 46 Jahre verheiratet, haben zwei erwachsene Töchter und vier Enkelkinder.

Im Kairoer Stadtteil Gise, den Touristen allenfalls mit der U-Bahn in Richtung Pyramiden durchqueren, besitzt das Ehepaar eine Wohnung. Dort sei es relativ ruhig gewesen - «mein Mann hat mir erzählt, dass er nicht viel mitbekommen hat», schildert die Kemptenerin. 20 Millionen Menschen leben schätzungsweise in Ägyptens Hauptstadt - «im Fernsehen sieht man immer den Tahrirplatz mit den Demonstranten».

Dort war es gestern zu blutigen Zusammenstößen zwischen Demonstranten gekommen.

Die Nachrichten werden auch in einem Sulzberger Haushalt gespannt verfolgt. Seit dem Anschlag von Alexandria in der Neujahrsnacht lassen die Bilder Lily nicht los. Die Oberallgäuerin ist Koptin, also Angehörige der christlichen Minderheit in Ägypten. «Ich bin in großer Sorge», sagt die 62-Jährige, die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Sie habe Verwandte nahe Kairo - «ich hoffe für sie, dass Ruhe einkehrt.» Denn normales Leben finde nicht statt.

Das wirkt sich auf den Tourismus aus - und somit auf die Kemptener, die in diesen Tagen nach Ägypten reisen wollten. So zum Beispiel Kunden des Reisebüros Mauderer, die gestern zu einer Nilkreuzfahrt aufbrechen sollten. Die Veranstalter, erklärt Büroleiterin Johanna Westermaier, hätten die nächsten Tage aber erst einmal alles abgesagt.

 

 

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