Kein leichter Weg zur Ladentür

Von Ingrid Grohe
| Lindenberg Zwei Männer und vier Frauen drängen sich auf der Treppe vor dem Lindenberger Tafelladen. Der Geschäftsraum innen ist voll. Sobald jemand rauskommt, kann der nächste Kunde eintreten. Die Wartenden sind froh, wenn sie endlich an der Reihe sind - nicht allein wegen des nasskalten Wetters an diesem Freitagvormittag. Die meisten haben auch Scheu, als Kunden des Tafelladens erkannt zu werden.

Entsprechend zurückhaltend reagiert die kleine Gruppe, als sie auf diese Einrichtung angesprochen wird. Kein Bild in der Zeitung und kein Name: Erst nach diesem Versprechen reden die Leute frei heraus, loben den Laden und erzählen von ihrer Situation.

Eine Rentnerin etwa kauft hier zweimal wöchentlich ein. Für ihre Tochter, die psychisch krank ist. Sie nehme ansonsten keine sozialen Hilfen in Anspruch. «Nach langem Überlegen habe ich entschieden, den Weg hierher zu gehen», sagt sie. Vor allem Gemüse und Brot besorge sie bei der Tafel. «Das ist eine große Erleichterung.»

Eine Frau Mitte 40 mischt sich in das Gespräch: «Wer dieses Hartz IV eingeführt hat, der sollte selbst mal davon leben. Das ist würdelos. 25 Jahre habe ich kontinuierlich gearbeitet. Und jetzt muss ich mit 20 Euro die Woche auskommen.» Eine andere Wartende erzählt von ihrem Mann, der seit einem Unfall nichts mehr verdiene. Sie selbst sei nach 29 Jahren Berufstätigkeit arbeitslos. Von 830 Euro im Monat lebt das Paar.

All die Geschichten sind sicher kein Grund, sich zu schämen. Und doch stimmen alle Umstehenden der blonden Mittdreißigerin zu, die erklärt: «Der Weg hierher ist schwer.» Niemand möchte als «arm» wahrgenommen werden. Ihren Sohn nimmt die blonde Frau deshalb nicht gern mit in den Tafelladen.

Seit die Lindenberger Tafel eröffnet hat, gibt es in ihrer Familie wieder regelmäßig Obst und Gemüse. Früher war das nur einmal in der Woche drin. Und dank des günstigen Einkaufs kann die Mutter ihren Kindern mal wieder eine Schulfreizeit oder Sportangebote ermöglichen.

Eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm kommt hinzu. Es sei ihr anfangs peinlich gewesen, bei der Tafel einzukaufen. «Aber die Windeln kosten nur ein Viertel». Unter den anderen Kunden dieses Geschäfts fühlt sie sich inzwischen wohl. «Man ist unter sich und weiß: Jeder hat sein Päckle zu tragen.» Die Seniorin bestätigt: «Hier wird deutlich, wie viel Elend es gibt», und fügt nachdenklich an: «Da sollte man nicht so viele laute Feste feiern.»

Inzwischen hat eine Tafelmitarbeiterin mehrmals warme Waffeln für die Leute in der Schlange herausgereicht. Am letzen Freitag gab es Punsch. Die Kundschaft wird im Tafelladen ausgesprochen zuvorkommend bedient. Acht ehrenamtliche Helfer beraten die Einkaufenden, füllen Obst in Tüten, wickeln Brot ein. «Die Leute fühlen sich wohl bei uns», hat Mitarbeiterin Christa Thiele festgestellt. «Nicht nur die Preise im Tafelladen werden geschätzt, auch das Reden-Können.»

Schon eine Stunde vor Öffnung warten die Ersten vor der Ladentür. 40 bis 50 Männer und Frauen erledigen innerhalb der zweieinhalbstündigen Öffnungszeit ihre Einkäufe. Das sind nur etwa ein Viertel derer, die sich bereits Berechtigungsscheine besorgt haben. Noch immer gehen manche mehrmals an der Tafel vorbei, bevor sie eintreten - diese Hürde ist nicht ganz leicht zu nehmen.

Die Caritas-Tafelläden in Lindenberg (Weinstraße 1) und Lindau (Freihofstraße 1) sind geöffnet am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10.30 bis 12 Uhr sowie am Mittwoch von 14 bis 15.30 Uhr. In Lindau auch am Samstag von 10.30 bis 12 Uhr. Berechtigungsausweise gibt es in Lindenberg bei der Caritas-Sozialstation am Dienstag und Donnerstag von 8 bis 11.30 Uhr. Näheres bei der Caritas unter Telefon (0 83 82) 94 86 94.

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