Memmingen
«Kein Beruf zum Geld machen»

«Die ganze Affenbande brüllt», schallt es aus den Lautsprechern. Lorenz und Jakob murmeln beim Liedtext mit. Nebenher basteln sie Igel aus Kastanien. «Die werden aber schön», lobt Tagesmutter Anja Göttl. Seit acht Jahren betreut die Steinheimerin Kleinkinder in ihren eigenen vier Wänden.

73 Tagespflegeplätze gibt es derzeit in Memmingen, sagt Ursula Karst vom Memminger Jugendamt und erklärt: «Tagesmütter dürfen höchsten fünf Kinder gleichzeitig betreuen.» Im Schnitt hätten sie ein bis zwei Pflegekinder. «Wer ein fremdes Kind für mehr als 15 Stunden bei sich zu Hause aufnimmt, muss das beim Jugendamt melden», so Karst weiter. Auch Göttl ist gemeldet. Aber die Vermittlung ihrer Schützlinge läuft nicht über das Jugendamt, sondern über Mundpropaganda der Mütter.

Über 30 Buben und Mädchen, meist zwischen null und drei Jahren, gingen so in den vergangenen Jahren bei Göttl ein und aus. Derzeit habe sie sechs Pflegekinder, die zu unterschiedlichen Zeiten betreut werden müssen. «Ich arbeite einfach gern mit den Kleinen», so die 37-jährige Mutter von drei eigenen Kindern.

Vier Euro in der Stunde

Allerdings gibt sie zu bedenken: «Tagesmutter ist kein Beruf zum Geld machen.» Im Gegenteil. «Ich höre nächstes Jahr auf, weil es sich finanziell nicht lohnt», so Göttl. Vier Euro verlangt sie in der Stunde. Von diesem Lohn muss die Tagesmutter seit diesem Jahr Steuern und Sozialabgaben abführen.

«Das geringe Gehalt und die verantwortungsvolle Tätigkeit passen nicht zusammen», betont auch Karst und weist auf einige Regelungen hin: Tagesmütter brauchen die Zustimmung vom Jugendamt, ein polizeiliches Führungszeugnis, einen Erste-Hilfe-Kurs und geeignete Räumlichkeiten. «Die Frauen, die keine pädagogische oder pflegerische Ausbildung haben, müssen zusätzlich einen 30-stündigen Qualifizierungskurs absolvieren.

» Wesentlich bei der Tagespflege sind laut Karst vor allem erzieherische Anforderungen. So muss der Tagesablauf mit den Kindern gut strukturiert sein. Göttl steht beispielsweise jeden Tag um fünf Uhr auf. Nachdem sie ihre eigenen Kinder versorgt hat, putzt sie das Haus und kocht Mittagessen. Um halb neun kommen schließlich die Kinder. «Wenn alle da sind, frühstücken wir zusammen, spielen, basteln, malen oder gehen Spazieren. «Dabei kann ich individuell und flexibel auf die Kinder eingehen», so die 37-Jährige. Umso mehr ärgert es Göttl, wenn sie immer wieder hört: Als Tagesmutter sitzt man doch nur zuhause rum und schaut, was die Kinder machen. «Unsere Verantwortung wird oft nicht anerkannt.

» Dies sei einer der Gründe, weshalb immer weniger Frauen Tagesmütter werden möchten, ist Göttl sicher. Dabei werden diese händeringend gesucht. «Gerade alleinerziehende Mütter brauchen eine Betreuung für Kinder in den Zeiten, die Kindergärten nicht abdecken», betont Karst.

Wer Tagesmutter werden will, füllt zunächst einen Fragebogen aus. Anschließend macht sich Karst ein Bild von den zukünftigen Betreuerinnen. Hält sie die Frau für vertrauenswürdig, steht der Vermittlung eines Pflegekindes nichts mehr im Weg. Wer eine Tagesmutter sucht, kann sich ebenfalls ans Jugendamt wenden. «Wir beraten die Eltern und geben ihnen Telefonnummern von Tagesmüttern in ihrer Nähe.»

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