Marktoberdorf / Ostallgäu
Kampf gegen die Impfmüdigkeit

Als Waltraud Joa zehn Monate alt war, erkrankte sie an Polio (Kinderlähmung). Das war 1944. «Ich kam dann zu meiner Oma, die war so eine Art Kräuterhexe und bekam die Lähmungen mit Massagen und Moorbädern soweit in den Griff, dass nur noch rechtes Bein und rechter Arm betroffen waren», erzählt Joa. Lange Zeit blieb es bei diesen Beeinträchtigungen, bis Polio wieder durchschlug. Nach 55 Jahren ging es wieder schubweise los. Heute sitzt Waltraud Joa im Rollstuhl. «Ich kann vieles eben nicht mehr machen», sagt sie.

Joa allerdings verzagte nicht, sondern engagierte sich. Sie ist Behindertenbeauftragte des Landkreises Ostallgäu und stellvertretende Vorsitzende des bayerischen Polio-Landesverbandes. Deshalb ist sie auch am kommenden Samstag, 31. Oktober, dabei, wenn der Rotary-Club im Modeon-Foyer zusammen mit dem Polio-Verband und örtlichen Ärzten und Experten den «Bayerischen Impf-Informationstag» veranstaltet. Anlass ist der Welt-Polio-Tag. Mit diesem Aktionstag, bei dem verschiedene Experten über die Themen Polio und Impfen sprechen (siehe Info-Kasten), wollen die Veranstalter vor allem zwei Dinge erreichen: Der Impfmüdigkeit in Deutschland begegnen und über Impfungen aufklären. «Die Impfsituation in Deutschland ist schlecht», sagt Prof. Dr. Ulrich Sprandel, Leiter der Abteilung Innere Medizin am Marktoberdorfer Krankenhaus und einer der Referenten.

Die offiziellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO bestätigen das: Beispielsweise sind nur 40 Prozent der 35-Jährigen in Deutschland gegen Diphtherie geimpft. «Viele wiegen sich in einer medizinisch fortschrittlichen Gesellschaft wie der deutschen in Sicherheit», sagt Sprandel.

Diese Sicherheit sei aber trügerisch. Gerade Polio sei immer noch eine Gefahr, auch wenn nur wenige Länder auf der Welt - etwa Nigeria - in größerem Maße von Polio betroffen sind. «Dort wird klar, was passiert, wenn nicht geimpft wird», sagt Waltraud Joa. Das Risiko sei besonders für Kinder hoch.

Sensibilisieren und Ängste abbauen

«Manche Bürger denken, Nigeria ist weit weg und hier passiert mir nichts. Das ist gefährlich», meint der Kaufbeurer Internist Dr. Georg Lederle, der am Aktionstag über Reiseimpfungen referieren wird und in seiner Praxis miterlebt, wie wenig die Menschen ans Impfen denken: «Die Impfpässe sehen teilweise katastrophal aus.» Die Globalisierung und damit weltweit verkürzte Distanzen sorgten dafür, dass Viren in kürzester Zeit von einem Ende der Welt ans andere gelangen könnten. «Und selbst geimpfte Infizierte tragen das Virus bis zu zehn Wochen mit sich herum und können Ungeimpfte anstecken», erklärt Mitorganisator Dr. Michael Pahl vom Rotary-Club.

Beim Aktionstag gehe es vor allem darum, die Menschen für das Impfen zu sensibilisieren und Ängste abzubauen. «Die heutigen Impfungen bergen kaum noch Nebenwirkungen», ist Lederle sicher. «Die Akzeptanz für das Impfen muss steigen», sagt Waltraud Joa. Und: «In Deutschland gibt es 60000 Menschen, die an den Spätfolgen von Polio leiden.» Sie will nicht, dass es mehr werden. Sie weiß, warum.

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