Sonntagskind
Josef Kraft aus Mapprechts hat die landwirtschaftliche Berufsschule im Landkreis Lindau aufgebaut

'Ich helfe, wenn ich helfen kann', sagt Josef Kraft. Und er ist in der glücklichen Lage, helfen zu können, was für einen Pensionär, der morgen den 90. Geburtstag feiert, gar nicht so selbstverständlich ist.

Täglich geht er noch frohgemut in seinen Obst- und Gemüsegarten, in dem Bäume mit 30 verschiedenen Apfelsorten stehen. Kartoffeln, Weißkraut, Gelbe Rüben, Brokkoli, Salat und Tomaten pflanzt er nach wie vor an. In seinen geliebten Plenterwald lässt ihn seit einem Jahr seine Frau nicht mehr allein zur Bewirtschaftung, jedoch für das Brennholz ('für gemütliche Stunden am warmen Kachelofen') ist Josef Kraft nach wie vor zuständig.

Die Wurzeln sind in der Kindheit angelegt: 'Wir waren praktisch Selbstversorger', erzählt er. Als Ältester von acht Geschwistern auf dem Einödhof mit zwölf Kühen in Mapprechts 127 aufgewachsen, erinnert er sich daran, dass in den Zwanzigerjahren noch Flachs angebaut wurde. Die Leintücher wurden in Ravensburg gesponnen. Einen Ballen aus der Zeit bewahrt er als kleine Kostbarkeit auf.

Auf dem elterlichen Hof, der übrigens heute noch steht, erlernte er alles, was ein Bauer können muss. Nach der Volksschule besuchte der wißbegierige Junge die ländliche Fortbildungsschule, beschäftigte sich mit der Imkerei und dem Obstbaumschnitt und besuchte einen Handmelkkurs.

Kraft, ein Sonntagskind, hatte Glück im Unglück, als er im Herbst 1942 im Kaukasus schwer verwundet wurde. Damit war für ihn der Krieg zu Ende und er konnte den erstrebten Lehrerberuf in der Landwirtschaft erlernen, in Immenstadt und im Donaumoos. Gute Noten erlaubten ihm ein Studium auf der Höheren Landbauschule in Bad Kreuznach und Bad Neuenahr.

1950 kam er in die Heimat zurück, als landwirtschaftlicher Berufsschullehrer im Westallgäu. Pro Stunde Unterricht gab es vier Mark.

Der Junglehrer Hubert Mäusle stellte ihm damals an der Volksschule Grünenbach ein Klassenzimmer zur Verfügung, denn Unterrichtsräume oder gar eine Schule gab es nicht. Eine enge Freundschaft begann, die erst vor einer Woche durch den Tod der angesehenen Pädagogenpersönlichkeit endete.

'Er genießt das Leben'

Erst Jahre später gab es einen eigenen Schulsaal mit Lehrmittelzimmer in Grünenbach und Weiler. Und erst 1982 wird in Lindau die gewerbliche Schule gebaut. 1984 wird er als Studiendirektor pensioniert.Noch heute sind in Grünenbach, Heimenkirch und Scheidegg so manche Waldpflanzung und zehn Streuobstwiesen mit 30 bis 50 Obstbäume zu bestaunen, die Kraft mit seinen Schülern damals gepflanzt hatte.

'Er genießt das Leben und sieht alles von der Sonnenseite', charakterisiert ihn seine Frau Rita; mit der Grünenbacherin ist er seit mehr als 50 Jahren verheiratet. 'Zufrieden sein' bezeichnet der sehr gläubige und leutselige Kraft als sein Motto, der weiß, dass er 'mehr Glück als andere' im Leben gehabt hat. 'Das Schlechte wird überhört', sagt er lächelnd. 'Mit der Lebenseinstellung bin ich gesund alt geworden.' Nahezu täglich besuchen ihn Freunde. Und das allmorgendliche Studium der Heimatzeitung bezeichnet er als seinen 'Gesundbrunnen'

Kraft ernährt sich zeitlebens gesund, mit naturgemäß viel Obst und Gemüse. Und er achtet sehr auf sein Gewicht. Aber auch ein Glas Rotwein verachtet er nicht. Zur geistigen Fitness sitzt er vor allem im Winter täglich am PC und schreibt. Kraft betreibt schon lange Familienforschung, die er in mehreren Bänden festgehalten hat. Zudem hat der Heimatkundler umfangreiche, lesenswerte Abhandlungen über die Kapelle und den Ort Nadenberg und über den Ort Ratzenberg mit der Kapelle und der ehemaligen Burg in kleiner Auflage binden lassen.

Seit er vor mehr als vier Jahrzehnten ein Haus am Nadenberg bezogen hat, liegt ihm die Martinskapelle besonders am Herzen. In seiner Zeit als Vorsitzender (1982 bis 91) stieg die Zahl der Mitglieder um das Vielfache, auf 200 Familien und Einzelpersonen. Das 1910 errichtete Gotteshaus wurde für nahezu 300 000 Mark gründlich renoviert. Zum Jubiläum wurde ihm vor zwei Jahren die Ehrenmitgliedschaft verliehen.

Morgen ist Tag der offenen Tür im Hause Kraft am Nadenberg. Das heißt, jeder der gratulieren möchte, ist willkommen. Die Zeit zu einer Runde Schafkopf, seiner alten Leidenschaft, wird allerdings kaum sein. Mit den Familien, dem Sohn, der Tochter und vier Enkelkindern wird nachgefeiert.

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